Das
Bekehrungserlebnis ist ein wichtiger Aspekt von Glaubenssystemen.
Auf Grund eines einzigen umwälzenden Ereignisses „sieht jemand
das Licht“ und wandelt sich unwiderruflich. In der Regel
geschieht dieser epiphanische Augenblick plötzlich und verwandelt
das Individuum von einem leidenden, verzweifelnden Menschen zu
einem, der Frieden und Erlösung gefunden hat. Es ist anscheinend
ein magisches Erlebnis, das ohne ersichtlichen Grund zu geschehen
scheint.
Viele
meiner Patienten haben über ihre früheren Wandlungen geredet. Es
muss schlecht laufen – das ist die ‚sine qua non’ für das
Wandlungserlebnis. Darüber hinaus müssen die Probleme einige
Zeit angedauert haben, bevor das Abwehrsystem zu bröckeln
beginnt. Die Gegenwartssituation des Individuums - verschlimmert
durch das Vergangenheitstrauma - wird belastender, als die Person
verkraften kann. Plötzlich kommt es zum Zusammenbruch und zur
Wandlung.
Ich
erinnere mich, wie eine Patientin es ausgedrückt hat: „Ich war
pleite, geschieden und seit einiger Zeit allein. Eines Tages saß
ich in der Abenddämmerung alleine im Park, als ich spürte, wie
mich etwas packte, und ich schrie mich selbst an: „Ich bin
gerettet worden!“ Was ich später in der Therapie entdeckte,
war, dass ich vor einem Gefühl gerettet worden war, dass ich nie
gerettet wurde, dass mich meine Eltern in meinem Elend ertrinken
ließen, ohne mit der Wimper zu zucken. Sie taten nichts, um mir
zu helfen, schmiessen mich mit 15 raus, weil ich mich nicht
benahm, und ließen mich mit Drogen und Alkohol im Leben zappeln,
ohne mir auch nur einmal Hilfe anzubieten.“
Nackt
vor dieser Vernachlässigung, ungeliebt und allein floh sie in die
Arme des Mystischen, wo sie sich nicht mehr allein oder ungeliebt
fühlte. Jetzt, da sie gerettet worden war, musste sie nicht mehr
fühlen, dass es niemanden gab, der sie aus ihrer Kindheitshölle
gerettet hätte. Jetzt hatte sie neuerliche Hoffnung, dieselbe
Hoffnung, die sie sehr früh in ihrem Leben verloren hatte. Das
war der Kern ihrer Wandlung; sie hatte Hoffnungslosigkeit in
Hoffnung verwandelt.
Darin
liegt das Paradigma für das Wandlungserlebnis. Ich nenne es eine
Primärkrise. Gewöhnlich passiert es Menschen, wenn sie in oder
am Rande enormen Schmerzes stehen. Das ist wirklich der
Knackpunkt, und er tritt ein, wenn sich die Person nicht mehr
verteidigen kann. Es bleibt ihr nichts mehr übrig, als von Gott
„gerettet“ zu werden.
Wenn
meine Patienten am Rande gewaltiger Gefühle stehen, vor allem Gefühle,
die verbalen Fähigkeiten zeitlich vorausgehen, fangen sie sehr
oft heftig zu zittern an; sie winden sich und schlagen um sich, da
sie die Kraft des Schmerzes beinahe vom Boden hebt. Eine Patientin
schrie während heftiger Konvulsionen, dass sie eine „Kraft“
spüre, die sie schüttele. Schließlich rief sie: „Ich bin
gerettet worden, ich bin gerettet worden!“
Das
geschah während einer persönlichen Krise, einer Periode äußerster
Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit. Wochenlang hatte sie
ernsthaft Selbstmord in Betracht gezogen. Schließlich verriet ihr
Wandlungserlebnis, warum sie so sehr litt. Indem sie
„wiedergeboren„ wurde, wurde sie „gerettet“ – gerettet
vor der Entdeckung, dass sie absolut niemanden hatte in ihrem
Leben, weder jetzt noch je zuvor. Ihre „Wiedergeburt“ ersparte
ihr die tiefe Hoffnungslosigkeit, die mit der Erkenntnis
einhergeht, dass sie in einem gleichgültigen Universum äußerst
allein war, dass niemand sie liebte.
Warum
zittern und beben Leute, während sie eine „religiöse Bekehrung“ durchmachen? Es ist wirklich ein sehr kurzer Schritt
vom Gefühl, das diese Konvulsionen antreibt, hin zum Empfinden
einer neuen magischen und gütigen Kraft, die jemandens Schicksal
kontrolliert. Es ist Kindheitsschmerz, umgewandelt in den Glauben
an Kindheitsmagie, in den Glauben, dass jetzt alles möglich sei.
Die Form ist ohne Bedeutung: Jesus, Buddha, Allah, Pyramidenkraft,
Kommunikation mit einem allwissenden Seher aus vergangenen
Jahrhunderten. Man ist jetzt in einem anderen Reich, in einem
anderen Universum.
Was
wir bei dem Bekehrungserlebnis sehen, ist, wie formbar Gefühle
sind; wie leicht sie zu Gedanken werden, und wie diese Gedanken
die Kraft von Gefühlen haben. Dieser Prozess ist nicht so
launisch, wie man sich das vielleicht vorstellt, weil er das Überleben
unterstützt.
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Übersetzung:
Ferdinand Wagner
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