In
den meisten aktuellen Psychotherapien gab es seit jeher eine Vergöttlichung
des denkenden Kortex. Die Idee dahinter ist: Wenn du deine Gedanken und Überzeugungen
änderst, ziehen die Gefühle nach. Das ist nicht der Fall; ganz im
Gegenteil. Das limbische System und insbesonders die Amygdala hat viel
mehr Nervenbahnen – und deshalb mehr Einfluss – zum Neokortex hin als
in umgekehrter Richtung. Gedanken und Glaubensüberzeugungen sind schwache
Waffen im Kampf gegen Gefühle; denken Sie daran, dass unsere Gefühle
wichtige Überlebensmechanismen sind und gleichbleibend stark sein
sollten. Man sollte sie nicht leicht durch Gedanken ausschalten können.
In der Psychotherapie sollten wir der Struktur und Funktion unseres
Gehirns größere Aufmerksamkeit widmen, so dass wir keine Scheintheorien
aushecken. Einsichten sind nicht die mächtige Waffe, für die wir sie
einst hielten. Tatsächlich lag das Hauptaugenmerk
der meisten Psychotherapien des zwanzigsten Jahrhunderts auf
Einsichten. Gefühle wurden zu oft vernachlässigt; wieder dachte man,
dass Gedanken Gefühle kontrollieren und ändern könnten. Was wir
brauchen, ist ein angemessenes Gleichgewicht zwischen Denken und Fühlen.
Wir können keine unkontrollierbaren Gefühle haben oder einzementierte
Gedanken, die Gefühle brechen. Wenn eine Psychotherapie Gedanken als
Hauptfunktionsmodus hat, ergibt sich zwangsläufig ein Ungleichgewicht.
Tiere
können fühlen ohne Gedankenanhang. Aber beim Menschen haben Gefühle ein
gedankliches Gegenstück, den Verstand, der die Integration des Gefühls
unterstützt. Aber wir sollten Gedanken über Gefühle nicht mit den Gefühlen
selbst verwechseln. Ein Therapeut, der die Gefühle eines Patienten zu
„berichtigen“ versucht, bringt ihn von einer biologischen Gefühlserinnerung
ab. Neurotische Gedanken sind abweichend aufgrund historischer Gefühle
der Person. Sie stimmen mit Gefühlen überein; nur ein Außenstehender
kann sie als abgewichen oder neurotisch diagnostizieren. Er kann das, weil
er vergrabene Gefühle, welche die Überzeugungen steuern, nicht leicht
sehen kann. Wenn der Therapeut und
der Patient die Gefühle sehen und verstehen, werden die Gedanken nicht
mehr als abwegig betrachtet. Diese Gefühle trieben abweichende Gedanken
an, um das Überleben zu sichern. Es ist keine Grille oder Laune, dass
jemand Gedanken wählt. Tatsächlich werden die Gedanken von den Gefühlen
gewählt und nicht umgekehrt. „Ich hasse Frauen“ ist ein Gedanke, den
jemand haben kann aufgrund einer Drachen-Mutter, die ihr Kind 'erstickt'
hat. Er hasst seine Mutter und verallgemeinert dann auf alle Frauen. Er
generalisiert frühe Erlebnisse und Gefühle mit seiner Mutter. Der Hass
auf Fauen ist unsere Eintrittskarte, die uns tieferes Eindringen ermöglicht.
Wenn wir uns erst einmal in den Hass des Patienten eingeklinkt haben und
dem Patienten dann die Freiheit gewähren, ihn auszudrücken und zu fühlen,
bringt ihn das automatisch zum Ursprung des Gefühls zurück. Und darin
liegt Integration und Auflösung. Der Verstand, das Verstehen ist die
letzte Stufe bei einem Gefühlserlebnis..
Wenn
eine Patientin anfängt, ein langdauerndes Gefühl (Einprägung) aufzulösen,
ist sie befreit worden. Wenn wir uns auf das Therapeutenverständnis
dessen verlassen, was die Patientin vielleicht gerade fühlt, ist alles
verloren. Wenn der Therapeut mehr redet als die Patientin, ist wirklich
alles verloren; es besteht dann keine Hoffnung auf Heilung. Wenn die
Patientin fühlt, bezieht sie mehr Gehirnsysteme mit ein als mit
Einsichten oder Gedanken. Der Prozess ist dann tiefgreifender. Dazu benötigen
wir einen Therapeuten, der Zugang zu seinem tiefen Unbewussten hat. Für
Therapeuten, die Jahre damit verbringen, die intellektuelle Seite der
Psychologie zum Nachteil des Fühlens zu perfektionieren, ist das eine
abschreckende Aufgabe.
In
unserer Psychotherapie helfen wir dem Patienten, das Allgemeine zu nehmen
und es auf das Spezifische zu reduzieren (Hass auf Frauen, Hass auf
Mutter). Davon können wir allgemeine Gesetze ableiten, die auf ein
breites Band von Individuen zutreffen, und helfen somit diesen anderen
Leuten zu fühlen, zu integrieren und aufzulösen. Alle Patienten müssen
ein Feeling erleben und es auflösen. Nahezu alle von uns haben dasselbe
Gehirnsystem. Es gibt keinen anderen Weg, Heilung für Neurose zustande zu
bringen; keine Abkürzung zur Gesundheit. Wir müssen festhalten, dass wir
die Rolle von Gedanken und Gefühlen in unserer frühen Geschichte und in
der Geschichte der Gehirnevolution verstehen müssen. Und wenn ein Patient
abreagiert und nicht vollständig fühlt, können wir sicher sein, dass es
keinen Fortschritt geben wird. Wir haben ein sehr großes Gefühlshirn-System;
wir können es in der Psychotherapie nicht ignorieren und dem Patienten
gleichzeitig helfen, dass es ihm besser geht. Ich sollte anfügen, dass
das einzige Mal, dass eine Einsicht helfen kann, dann ist, wenn der
Patient nicht genügend Zugang zu seinem Verstandes-Gehirn hat und Hilfe
braucht; das ist nicht oft der Fall. Einige Leute müssen wirklich ihr
Denkvermögen erweitern, um die Kontrolle über auswuchernde Gefühle zu
unterstützen. Ich denke an ständiges impulsiv-geladenes Verhalten.
Jedenfalls erzeugen Gefühle Gehirnzustände und nicht umgekehrt,
zumindest nicht in der Art, wie ich sie erörtere. Wenn wir das
Bewusstsein erweitern wollen, müssen wir alle fühlen, was im Unbewussten
liegt. Wenn wir uns des Unbewussten voll bewusst werden, sind wir auf dem
Weg zur Gesundheit. Ich sage „voll bewusst“, weil Bewusstheit ohne Fühlen
nur ein weiteres Glaubenssystem ist. Bewusstheit wird einfach vom Kortex
der obersten Hirnebene verschlungen und liegt machtlos im Gehirn. „Du
weißt, dass du die ganze Zeit impulsiv handelst?“ Ich weiß es, aber
was jetzt?
Wie
ich an anderer Stelle anmerke, wird die Geschichte sich präsentieren,
wenn sich der Patient in ein Gefühl eingeklinkt hat. Wenn er in rasender
Wut versinkt, wissen wir, dass der Ursprung auf der ersten Linie (Ebene)
liegt, wo die Raserei entstanden ist. Wenn das Gefährt des Fühlens
(leichteren) Zorn hervorbringt, wissen wir, dass wir es vielleicht mit späteren
Ereignissen in der Kindheit zu tun haben. Wenn bei einem Patienten milde
Furcht in einer Sitzung Schrecken auslöst, wissen wir, dass sein Ursprung
auf der ersten Ebene zu finden ist. Wenn seine Gefühle zu Furcht führen,
wissen wir, dass es einen limbischen/fühlenden Ursprung gibt, und wir müssen
uns dorthin konzentrieren. Wir können nicht Stufen der Evolution überspringen
und dabei dem Patienten helfen. Wir können das Gefühl aus der Tiefe
nicht ignorieren, weil es da ist und erlebt werden muss, allerdings nach
einem korrekten biologischen Zeitplan. Wenn der Patient in einer Sitzung
in Zorn versunken ist und dann in Raserei, müssen wir das Gefühl mit der
geringsten Valenz nehmen und damit arbeiten. Es ist dieses weniger mächtige
Feeling, das die beste Chance auf Auflösung und Integration hat. Wenn man
in einer Sitzung ein Gefühl (rasende Wut) außerhalb der evolutionären
Ordnung nimmt, resultiert das gewöhnlich in Überlastung und mangelhafter
Integration. Unsere Theorie ist keine Theorie zufälliger psychologischer
Zustände sondern die Theorie einer Hierarchie integrierbarer Gefühle.
Wut und Schrecken sagen uns, wo wir einen Patienten fokusieren müssen. Es
lenkt uns zielsicher zu der Seite, mit der wir uns befassen müssen, und
zu der Epoche, wo das alles begonnen hat.
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Übersetzung:
Ferdinand Wagner