Die
Vereinigten Staaten vereinigen sich. Das Volk denkt mehr wie seine
Führer, und unsere Führer denken mehr wie das Volk. Es sieht aus
wie Einheitlichkeit, aber es hat seine Gefahren. Wir werden zu
einer trügerischen Homogenität zusammengeschweißt, bei der die
Führer uns ermahnen, dass wir ihnen trauen sollen; die Experten
fragen uns dann nach unserer Meinung und finden heraus, dass wir
Vertrauen haben; und die Regierung gibt Erklärungen heraus, dass
sie den Willen des Volkes ausführt.
Während dies den Anschein
funktionierender Demokratie haben könnte, behaupte ich, dass das
Ergebnis dieses Vertrauenskults eine hochgradig antidemokratische
Situation sein könnte. In jedem demokratischen Land reflektieren
die gewählten Politiker letztlich die breite Masse. Sie sind als
Einzelperson das verdichtete Symbol dessen, was die Massen
angeblich denken. Die Gefahr liegt darin, dass ein Verschmelzen
der Einstellungen und Überzeugungen des Volkes mit denen ihrer Führer
zu einem verriegelten Konsens wird, wobei jede Seite sich davor fürchtet,
nicht im Einklang mit der anderen zu sein. Dieser politische
Gleichschritt scheint Stärke zu demonstrieren, aber in
Wirklichkeit ist er allzu oft nicht mehr als Angst davor, untreu
zu sein. Zögern, Zweifel, Dissens und Treulosigkeit sind im
aktuellen amerikanischen Sprachgebrauch zu Synonymen geworden.
Im Namen der Einheit wird
die Demokratie untergetaucht unter die Philosophie von „Recht
oder Unrecht , es ist mein Vaterland“. Wenn wir uns die
Geschichte anschauen, sehen wir an der Hitler- oder Stalin-Ära,
wohin blindes Vertrauen führen kann. Die Deutschen und die Russen
wollten gut sein, loyale Bürger. Auch damals galt „Recht oder
Unrecht , es ist mein Vaterland“, und das Ergebnis war
Massenvernichtung, Hunger und Tod. Was die Führer verlangten, war
völliges Vertrauen. Was sie meinten, war, dass das Volk jeder
Kritikfähigkeit abschwören und passiv allem zustimmen sollte,
was immer die Führer beschlossen. Auch jetzt in der Sowjetunion
verlangen die Führer bedingungsloses Vertrauen, das auf ihrem
Misstrauen gegenüber vergangenen Führern gründet. „Vertraut
mir, denn ich bin nicht so wie der Rest.“ Und wir sind uns wohl
des Vertrauens bewusst, das die Iraker in Saddam Hussein haben.
In einer Zeit, in der die
Demokratie-Funktionen aufgewertet werden, scheinen wir weniger
geneigt, sie zu benutzen, damit man uns nicht anklagen kann, die
Einheit Amerikas zu erschüttern. Der Kult des Vertrauens ersetzt
unabhängiges Denken, und wir bewegen uns auf Umwegen auf eine
Demokratie zu, in welcher der Volkswille eher durch Umfragen
ermittelt wird anstatt durch die bedeutungsvolle Wählerstimme.
Die Meinungsumfrage ist der König, und wenn sie anzeigt, dass die
Zeit reif ist für eine Wahl, wird die Demokratie amtlich. Wir können
objektiv sehen, was Vertrauen in anderen Ländern angerichtet hat,
besonders im Irak, wo sie auf bestem Weg sind, ihr Land der Zerstörung
preiszugeben. Was wir so leicht nicht sehen, ist unsere eigene
Vertrauensseligkeit. Seien Sie nicht zu vertrauensvoll!
Regierung durch Umfrage
wird zur Mode, und wenn man nach einer kürzlichen Umfrage
urteilt, stecken wir alle in Schwierigkeiten. Obwohl die
Amerikaner einem Bodenkrieg im Irak abgeneigt sind, sind sie
nichtsdestotrotz bereit, sich dem Urteil unserer Führer
anzuschließen. In einer jüngsten Umfrage stimmten die Leute den
Generälen zu, dass sie nicht zu viele Informationen bekommen
sollten. Wenn Information fehlt, hält Vertrauen Einzug.
In der CBS „News
Special“ in den 1960er Jahren wies Eric Sevareid darauf hin,
dass hinsichtlich des Verlaufs, den der Krieg genommen hatte,
keiner der Regierungsexperten richtig gelegen hatte. Und jetzt
scheint es, dass die Nachrichten in hohem Maß durch
Presse-Anweisungen gesteuert werden.
Der Vertrauenskult scheint
in umgekehrtem Verhältnis zur erhaltenen Informationsmenge zu
wachsen. Je weniger Information die Regierung anbietet, umso mehr
müssen wir uns offensichtlich auf Vertauen verlassen. Man sagt
uns, dass einige Informationen wegen des „nationalen
Interesses“ zurückgehalten werden müssen. Ich behaupte, dass
zu viel Vertrauen aufgrund von zu wenig Information in Wahrheit
gegen das Nationalinteresse ist, weil die Leute nicht wirklich
wissen, was los ist, und sich keine informierte Meinung bilden können.
Es tritt eine Situation
ein, in der diejenigen, die mehr wissen wollen, die zögern oder
fragen, die beunruhigt sind, weil man uns die Fakten vorenthält,
als ‚Ausscherer’ betrachtet und dafür bestraft werden, dass
sie „dem Feind Hilfe und Unterstützung gewähren.“ Im
Deutschland der frühen 1940er Jahre wurde jeder, der glaubte,
Deutschland könne den Krieg verlieren, höchst verächtlich als
„Defätist“ bezeichnet. Dieses Etikett konnte eine harte
Haftstrafe und sogar den Tod zur Folge haben. Deutschlands Führer
forderten Vertrauen, und das, obwohl das Land gerade dezimiert
wurde.
Das Problem besteht darin,
dass die Wahrung der Demokratie gegenüber der Wahrung eines
einheitlichen Gesichts vor der Welt zweitrangig wird. Das ist
nicht unbedingt ein bewusster Anschlag geheimer Verschwörer
sondern der Gipfelpunkt einer Situation, in der sich das Volk und
die Führer unbewusst gegenseitig manipulieren, um eine mystische
Stärke zu bewahren. Wir sind im „Konsens-Sack“ gefangen, und
keiner scheint frei, um neue Ideen oder neue Schritte zu
injizieren.
Es besteht die Gefahr, dass
Amerkas historischer Dialog vielleicht zu Ende geht – ersetzt
durch einen Exekutiv- Monolog, der einen Konsens orchestriert und
Misstrauen sät gegen jene, die nicht in Enklang stehen mit der
chauvinistischen Melodie.
DER
SUPERPATRIOT
Vor Jahren veröffentlichte
ich das psychologische „Porträt des Kalten Kriegers“ (The
Minority of One, April 1963). Es war eine Analyse von dreißig
einander ähnlichen Forschungsstudien, aus denen eine
Zusammenfassung des Superpatrioten gezogen wurde. Es stellte einen
hypothetischen Mann dar am äußeren rechten Flügel, der Gewalt
als Lösung für komplexe Probleme beansprucht und der Macht
sowohl in interpersonellen als auch internationalen Beziehungen
betont. Das Porträt wurde wie folgt zusammengefasst:
„Der Kalte Krieger ist
weder gescheit noch einfallsreich. Gleich, wie viel Schutz er hat,
er kann nie genug haben, um seine innere Unsicherheit zu
bezwingen. Er ist ein ungeduldiger Mensch, der das Gespräch
zugunsten der Handlung ablehnt; der bei Problemen eine sofortige
und nur eine einzige Lösung will. Er sieht die Welt in Begriffen
von schwarz und weiß und misstraut seinen Mitmenschen. Er kann
keine kooperativen Problemlösungen sehen und sieht alle
Beziehungen in Machtbegriffen – Dominanz oder Unterwerfung.
Jeder Versuch anderer, gleichen Status zu erlangen, wird als
Bedrohung gesehen. Zuallererst glaubt er an Macht. Er verlässt
sich auf Gewalt, um persönliche und soziale Probleme zu lösen.
Er ist zynisch, misstrauisch und missdeutet die meisten Züge
anderer als aggressiv. Er ist ein feindseliger Mensch, der seine
Feindseligkeit damit rationalisiert, dass sie durch die ständige
Existenz eines aggressiven Feindes gerechtfertigt sei. Er ist so
vom Konflikt zerissen, dass er Friede und Harmonie nicht erkennt,
wenn sie über ihm sind. Er lebt von Parolen. Er ist starr
unflexibel, emotional isoliert, und es fehlt ihm an persönlicher
und sozialer Einsicht. Er macht kritische Inspektion verächtlich,
hat wenig Ideale und noch weniger Hoffnung. Er sieht nur die täglichen
Sachlichkeiten und lehnt Theoretiker als verschwommene Idealisten
ab. Er ist anti-wissenschaftlich, weil er sich eine geordnete und
vorhersagbare Welt ohne Chaos nicht vorstellen kann. Er widmet
sich nur seinem eigenen Überleben und glaubt, dass alle, die
nicht für ihn sind, gegen ihn sind, und alle, die nicht über ihm
sind, unter ihm. Er sieht Leute, die den Krieg fürchten, als
schwache, neurotische Sonderlinge und glaubt, es sei Verrat, bei
einem Gegner Versöhnliches zu finden.“
Im Zeitraum, seit dieses
Porträt angefertigt wurde, hat man das, was einst die
psychologischen Eigenschaften von Wichtigtuern im Halbschatten des
politischen Spektrums waren, zunehmend vollständig in unsere
Nationalideologie aufgenommen. Vielleicht sind diese
Charakteristika in Kriegszeiten nationale Notwendigkeiten.
Vielleicht haben unsere Führer Recht, wenn sie behaupten, dass
wir töten müssen, um Leben zu retten. Aber was, wenn sie nicht
Recht haben? Es tut nicht weh, diese Möglichkeit für einen
Augenblick abzuwägen.
Wir scheinen im Strudel
eines synergistischen Prozesses gefangen, in dem jeder zunehmende
physische Einsatz an Truppen und Gewehren ebenso eine zunehmende
implizite Forderung nach psychischem Einsatz mit sich bringt. Jede
Kategorie dieses Einsatzes verstärkt die andere – ein Prozess,
der nichts Gutes verheißt. Tatsächlich ergab die Galiup-Erhebung
in zwei Umfragen, die drei Monate auseinanderlagen, dass die
Anzahl der Leute, die ein größeres militärisches Engagement in
Vietnam befürworteten, um 13 Prozent zugenommen hatte. (Los
Angeles Times, 21. November 1965.) Diese psychische Veränderung
entsprach der großen Zunahme des tatsächlichen Truppeneinsatzes
während desselben Zeitraums. Darüber hinaus sank die Zahl
derjenigen, die für den Frieden verhandeln wollten, um zwei
Prozent.
Eine Gefahr bei diesem
Synergismus ist, dass man verinnerlichte Einstellungen und Überzeugungen
nicht so leicht abstellt, wie man mit der Bombardierung von Städten
aufhören könnte (wie jene allzu gut wissen, die eine deutsche
Wiederaufrüstung befürchten). Der Zeitgeist überdauert die
Umgebung, in der er gezeugt wurde und bereitet den Boden für zukünftige
Kriege.
Eine interessante Studie
der Universität von Kalifornien in Los Angeles hilft unser
Dilemma zu klären. Man untersuchte emotional entfremdete Personen
und fand heraus, dass es eine Beziehung gibt zwischen emotionaler
Entfremdung (sozialer Distanziertheit) und Machtlosigkeit. Mit dem
Gefühl von Machtlosigkeit einher geht geringeres politisches
Interesse, geringeres politisches Wissen und fehlende Motivation,
mehr über Politik zu lernen. Eine der Fragen lautete, ob „die
Grundentscheidungen über politische und soziale Fragen von
Experten getroffen werden sollten.“ Es ist keine Überraschung,
dass diejenigen, die sich machtlos fühlten, zu einer zustimmenden
Antwort neigten. Wenn sich die Leute machtlos fühlen, ziehen sie
Regierung durch Experten der Regierung durch das Volk vor. Kurz
gesagt ziehen sie es vor, ihre Machtlosigkeit fortzusetzen.
Die Mehrheit von uns ist
sich vielleicht unserer wachsenden Machtlosigkeit nicht bewusst.
Man hat uns in dem Glauben bestärkt, dass wir in einer Demokratie
leben, die auf der Stärke des Volks beruht. Allzu viele vergessen
die Tatsache, dass ihr wachsendes Vertrauen in Führer nur eine
Manifestation ihrer eigenen Machtlosigkeit ist. Solches
„Vertrauen“ bietet die Möglichkeit, persönliche
Verantwortung in Regierungsangelegenheiten zu vermeiden. Und mir
scheint, worum es bei Demokratie geht, dass ist doch gerade diese
Fähigkeit, die Handlungen unserer Führer zu beurteilen und zu
bewerten.
Die Seeman –Studie fand
heraus, dass diejenigen, die größeren Wert auf politische
Kontrolle durch Experten legten, weniger daran interessiert waren
mehr zu wissen und bereitwilliger, den Anweisungen anderer zu
folgen; kurz gesagt neigten sie dazu, von der Demokratie zur
Autokratie zu wechseln. Es ist dieser Wechsel, der den Leuten
gestattet, auf eine persönliche Entscheidung zu verzichten, die
Suche nach Information zu meiden und, was am wichtigsten ist,
einer persönlichen Moral abzuschwören. Wie die Studie zeigte, fördert
dieser Wechsel eine sich vertiefende Unempfänglichkeit für neue
Informationen. Was sich in dieser Einstellung widerspiegelt, ist
der Kontrollverlust über das eigene Schicksal. Nicht nur geht im
Vertrauenskult diese Kontrolle verloren, sondern das Individuum
trachtet kaum danach, Kontrolle zu entwickeln, denn damit würde
Verantwortung und Entscheidungsfindung einhergehen – Aufgaben,
die Leute nicht willkommen heißen können, die wollen, dass
andere alle Entscheidungen für sie treffen.
In diesem geistigen
Bezugsrahmen entsteht Verlass auf Schicksal und Zufall. Wir
glauben, was mit uns geschieht, das liege in den Händen einer höheren
Macht, sei es Gott oder die Regierung. Wenn wir der externen
Regulierung unseres eigenen Lebens den Vortritt lassen und den
Wert persönlicher Bemühungen, auf Probleme Einfluss zu nehmen,
minimieren, ist das Ergebnis Herrschaft durch Experten, Regierung
durch eine Wissenselite, die am besten weiß, was für uns am
besten ist. Der Krieg selbst wird dann von uns dem Schicksal überlassen....und
der Elite.
Aber was für uns gut ist,
das ist nicht bloß eine Angelegenheit von Fakten, die den
Experten bekannt sind. Es ist eine Sache der Moral.
Es ist eine Sache unterschiedlicher Standpunkte. Was uns
von unserer Regierung unterscheidet, ist nicht nur die jeweilige
Faktenmenge, die uns zur Verfügung steht, sondern ein anderer
Bezugsrahmen, um an diese Fakten heranzugehen und sie zu bewerten.
Der Unterschied liegt zwischen Humanismus und Machtpolitik.
Wenn eine Regierung ein
Volk soweit bringt, dass es in Begriffen von Machtpolitik denkt
anstatt in Begriffen menschlicher Bedürfnisse, the people have
been had [???]. Nichtsdestotrotz sind wir durch klugen Gebrauch
der Massenmedien zu „Experten“ für fremde Diktaturen
geworden, jedoch zu umnachteten Kindern, wenn es um die Methoden
unserer eigenen Regierung geht. Wenn mir mein Friseur sagt „Wir
können uns nicht leisten, Südostasien an die Kommunisten zu
verlieren“, glaubt er dann wirklich, ein Besitzinteresse an
einem Land zu haben, das er nie gesehen hat, und von dem er
wahrscheinlich bis vor wenigen Jahren noch nie gehört hatte? Wenn
er zu seinem 85.000-Dollar-Haus heimkommt, steht es dann wirklich
ganz oben an der Tagesordnung, dass er seiner Frau sagt, dass sie
Asien nicht „verlieren“ dürfen, wenn sie sich Sorgen macht,
das Haus nicht zu verlieren?
VERTRAUEN PER BEFEHL
Unsere Existenz kann in
Gefahr sein genau wegen der starren Idee, dass unsere Existenz ständig
in Gefahr sei. So ist der Krieg nötig geworden, um Krieg zu
verhindern; Bombardierung notwendig, um Leben zu retten; und Tod
ein unglückliches Nebenprodukt des Lebenskampfes.
Die Grundannahme, dass
unsere Existenz in Gefahr sei, hat viele logische Folgen. Somit
werden Friedensbefürworter und ihre Vorstellungen gefährlich, während
sich für den Tod stark zu machen – „Tod dem Feind“ –
bedeutet, dass man seinen gesunden Verstand wahrscheinlich bestätigt
hat. Es ist eine seltsame Gleichung – Tod und gesunder Verstand,
Töten und psychische Gesundheit, Bomben und Demokratie.
„Töten“ scheint „in“ zu sein in einer Nation, die sich in
ihrem Patriotismus und ihrer Rechtschaffenheit zusammendrängt und
sich vor allem davor fürchtet, Uneinigkeit zu säen. Drei
Universitäts-Professoren wurden während des Vietnamkriegs durch
die Ky-Regierung zum Tode verurteilt, weil sie eine Petition in
Umlauf brachten, die einen Waffenstillstand forderte. Die Führer
hatten den Sprung vollzogen von der Vertrauensbitte zur
Vertrauensforderung.
REGIEREN DURCH KRISEN
UND MONSTER
Von einem psychologischen
Standpunkt aus dreht sich die Fähigkeit, Krieg zu führen, um das
Vertrauenskonzept. Und das ist nicht nur eine schlechte Sache
sondern eine notwendige, um eine Regierung überlebensfähig zu
machen.
Die Rationalisierung für
das Bedürfnis, unseren Führern zu vertrauen, lautet, dass wir in
Krisenzeiten wie ein Mann hinter ihnen stehen müssen. Wenn
dein Schiff sinkt, bleibt keine Zeit zu zögern, zu debattieren
oder getrennte Wege zu gehen; es ist Zeit für vereintes Handeln.
Mehr als irgendjemand vor ihm beherrschte Hitler das Regieren
durch Krise.
Die Krise hat eine Reihe
psychologischer Funktionen, die dabei helfen, ein Volk
linienkonform zu halten. Die Krise galvanisiert, mobilisiert und
– am wichtigsten – legitimiert Aufregung. Gewalt gegen den
„Feind“ (ob intern oder extern) wird akzeptabel, weil „wir
in einer Krise sind.“ Alle Mittel werden akzeptabel.
Indem er sein Land in ständigen
Konflikt und Krieg verwickelte, gab es immer eine Krise, immer ein
Bedürfnis nach dem Retter und immer eine Rechtfertigung für die
Unterdrückung derer, die nicht zustimmten. Das deutsche Volk
vertraute ihren Führern, und die deutschen Führer vertrauten
ihrem Führer. Was ihnen ermöglichte, sich mit reinem Gewissen
unschuldig zu fühlen, war, dass ihre Führer wissen mussten, was
sie taten, während sie selbst nur Befehle ausführten. Es
herrschte „Einigkeit“. Aber es ist gerade solche Einigkeit,
die man am meisten fürchten muss. Das soll nicht heißen, dass
wir nie Vertrauen zur Führung haben sollten; schließlich haben
wir sie gewählt. Es ist nur so, dass gesunder Zweifel immer
wichtig ist.
Das ist derselbe
psychologische Mechanismus, der die Leute auf Horrorfilme
versessen macht. In einem Horrorfilm wird man in eine Situation
wachsender Spannung und wachsenden Schreckens versetzt, aber im
Hinterkopf weiß man, dass es in Wirklichkeit nichts zu fürchten
gibt. Die Monster auf der Leinwand mobilisieren unsere Ur-Angst.
Am Ende wird das Monster getötet und wir sind erleichtert, denn
mit uns hat alles gestimmt; das Monster war die Quelle unserer
Angst.
Das „Monster“
heutzutage verändert sich ständig. Erst waren es die Chinesen.
Jetzt sind sie eine Art Freund. Zuerst waren es die Japaner und
Deutschen. Jetzt sind sie unsere engsten Verbündeten und wir sind
besorgt, wenn sie zögern, in den Krieg zu ziehen. Nicht gerade
die Sorge, die wir früher mit ihnen hatten. Wir kommen zu der Überzeugung,
dass wir wieder frei atmen können, wenn unser Feind ausgerottet
worden ist. Das Problem ist, dass sich unser Feind ständig ändert.Während
des Irak-Iran-Krieges war der Irak unser Freund, den wir
bewaffneten. Das ist noch nicht so lange her.
Wir haben ein Problem im
Irak, weil wir einen Mann haben, der sich nicht vernünftig verhält.
Albert Camus sagte es vor langer Zeit: “Ein Mann, mit dem du
nicht vernünftig reden kannst, ist ein Mann zum Fürchten.“ Wer
vielleicht versucht, vernünftig mit ihm zu reden, nimmt sein
Leben in die Hand. Er fordert Vertrauen. Er fordert es nicht
einmal; er erwartet es. Es gibt keinen Volkswillen. Die
Progression scheint so zu verlaufen, dass man um Vertrauen bittet,
es bekommt und mehr verlangt, bis alle Entscheidungen in den Händen
des Führers liegen; und das ist die Gefahr für die Demokratie.
Zu viel Vertrauen in „sie“ bedeutet nicht genug Vertrauen in
uns selbst. Wenn die Führer dann Sachen machen, die wir nicht mögen,
wenn sie wie im Irak vorsätzlich ihr eigenes Land zerstören,
kommt das davon, dass die Leute stillschweigend ihren Führern
vertrauen. Sie wollen sterben für die Entscheidungen ihrer Führer,
wie auch immer sie ausfallen. Auch sie sagen: „Wir haben eine
Job zu erledigen, und das werden wir auch tun.“ Den Feind zu töten
wird zu einem „Job, den man erledigt.“ Das Töten erfolgt
nicht als logisches Ergebnis von Wut, wie man denken könnte.
Vielmehr wird kaltblütig getötet – eine weitere Aufgabe, die
man zu erfüllen hat. Zorn ist aus dem Tötungsprozess entfernt
worden; kalte Berechnung hat seinen Platz eingenommen.
DAS MONSTER GEBIERT HELDEN
Man versucht vergeblich
nach etwas anderem außer „töten“ und „Krieg,“ das man
sagen könnte, ohne dass es als Unterstützung und Begünstigung
des Feindes erachtet würde. Ungeachtet, wie ästhetisch es unser
Außenministerium oder die Akademiker der Rand Corporation
artikulieren, ist die Botschaft dieselbe: „Unsere amerikanischen
Mitbürger haben alle Rechte zu protestieren, aber was sie tun, läuft
auf Verrat hinaus.“ Man unterstellt, dass es ihnen an Vertrauen
fehlt und dass sie Zwietracht säen. Irgendwie glauben wir, dass
irakische Soldaten im Sand die New York Times lesen, nehmen fälschlicherweise
an, dass Amerikaner für den Frieden sind, schöpfen Mut und kämpfen
umso mehr – also werden noch mehr amerikanische Jungs im Kampf
gegen einen zunehmend widerspenstigen Feind sterben müssen. Die
Tatsache, dass Hussein Kuwait ohne die Hilfe der New York Times
einnahm, übersieht man gewissermaßen.
Niemand bezweifelt, dass
Hussein monströs gehandelt hat. Monster muss man bekämpfen. Aber
die Vorstellung von einem Monster hilft dabei, die Leute von den
Ängsten des Alltags abzulenken. Ihn zu bekämpfen bietet uns eine
Unterbrechung der Eintönigkeit unserer alltäglichen Existenz und
stellt eine Chance dar für etwas, das Aldous Huxley als
„individuelle Edelheit“ bezeichnete. Jeder von uns will edel
sein, dazugehören, den Standpunkt der Mehrheit teilen und nicht
abseits stehen. Wir wollen die besten Bürger sein. Loyal und
ergeben. Wie im Film ist das Monster die Ursache unserer Ängste;
merze es aus, und es wird wieder Ruhe einkehren. Und vertraue vor
allem darauf, dass dein Führer weiß, wie man mit dem Monster
umgeht.
Aber die Bekämpfung des
Monsters hilft uns auch dabei, unseren Platz und unsere Bedeutung
in dieser komplizierten Gesellschaft zu finden. Es ist etwas,
woran wir alle teilhaben können. Wir sind vereint in unseren
Opfern und unserer Not, und das scheint viel besser, als
individuell unter persönlichen Problemen und privaten Agonien zu
leiden. Plötzlich hat der Tod eine Bedeutung in einer Nation des
sinnlosen Automobiltodes. Wir können für eine gute Sache sterben
anstatt an Umweltverschmutzung – eine ziemllich schändliche Art
abzutreten. Der Tod hat Bedeutung, auch wenn das Leben keine hat.
Es ist eine Zeit, in welcher der Tod eine der
Lebensnotwendigkeiten ist. Diese Notwendigkeit in Frage zu stellen
wird disloyal.
Irak ist eine Nation
geworden, die auf der Suche nach Verrat ist anstatt nach Vernunft.
Wir müssen aufpassen, dass wir nicht in diese Falle tappen. Was
immer unser persönlicher Standpunkt zum Krieg ist – denken wir
daran, dass wir für die Demokratie kämpfen, und das Kennzeichen
der Demokratie ist der Dissens – eine andere Meinung zu haben.
Wir brauchen eine neue
Atmosphäre, in der Krieg der wirkliche Feind ist. Nur dann wird
man Friedensbemühungen nicht als Verrat einschätzen. Wenn Krieg
der Feind ist, liegt der Friede im nationalen Interesse. Was wir
heutzutage brauchen, ist ein Kult des Misstrauens und des
Skeptizismus. Beherzigen wir die Warnung Andre Gides: „Nimm dich
vor dem Mensch in Acht, der die Wahrheit gefunden hat; folge dem,
der noch auf der Suche ist.“
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Übersetzung:
Ferdinand Wagner