Ich
habe über Evolution hinsichtlich der Psychotherapie nachgedacht.
Letzte Nacht gab es ein Programm über Evolution; Wissenschaftler
aus mehreren Ländern kamen zusammen, um über die mögliche
Evolution der Dinosaurier zu diskutieren. Es gab viele Erklärungen,
keine davon zufriedenstellend. Eine jedoch schien glaubwürdig.
Die Frage war, was zuerst kam, Dinosaurier oder Vögel, weil man
Fossilien fand von Dinosauriern mit Federn. Sie untersuchten Vögel,
die man in der Nähe dieses Ortes gefunden hatte, welche ähnliche
Fortsätze hatten wie Dinosaurier, und filmten sie. Sie fanden
heraus, dass diese Vögel nach der Geburt lediglich wussten, wie
man läuft; im Verlauf ihrer persönlichen Entwicklung begannen
sie zu fliegen. Das war anscheinend ein weiteres Indiz für die
Auffassung, dass Vögel an zweiter Stelle kamen und nicht zuerst;
dass sich Vögel aus Dinosauriern entwickelten und nicht
umgekehrt. Es ist immer noch eine Sreitfrage, aber es brachte mich
dazu, über unsere eigene Therapie nachzudenken; eine
Primal-Sitzung zu beobachten erklärte so viel über Evolution.
Insbesonders über die Vorrangstellung von Gedanken vor Gefühlen.
In
einem Wiedererlebnis kommen Gefühle vor Gedanken, wie es in der
Evolution der Fall war; und tatsächlich, wenn die Gefühle überwiegen,
dann stupsen sie Gedanken und Glaubensvorstellungen an. Diese
Gedanken entwickeln sich aus den Gefühlen – während der Geburt
zu ersticken führt zu „er engt mich ein“, „es
gibt keinen Raum für mich“, etc. Gelöst wird das nicht
durch eine Änderung des Verhaltens oder der Gedanken sondern
durch Gefühle; man muss sich mit der Einprägung, mit der
generierenden Ursache befassen und sie wiedererleben, weil sie
ursprünglich nicht voll erlebt worden war. Bestenfalls wurde sie
teilweise erlebt, als sie geschah, und dann aufgrund ihrer
Schmerzlast weggeschlossen. Man muss sie voll erleben, verknüpfen
und auflösen.
Wenn
wir uns die Sitzung ansehen, erforschen wir die Evolution; wir
beobachten sowohl Phylogenese als auch Ontogenese. Mein Standpunkt
ist, dass es nur Abreaktion und kein verknüpftes aufgelöstes
Feeling gibt, solange dem System nicht erlaubt wird, exakt der
Evolution zu folgen; das ist der Grund, warum man der Evolution
Aufmerksamkeit zollen sollte. Während eines
Geburts-Wiedererlebnisses, bei dem wir in die Höhe schießende
Werte der Vitalfunktionen finden, kann es kein Weinen wie ein
Zweijähriger geben, keine radikalen Bewegungen der Beine und Arme
und keinerlei Worte. All dies kommt später in der persönlichen
Evolution (Ontogenese). Das alles jetzt zu tun, bedeutet, sich über
die Evolution hinwegzusetzen, was gegen die Biologie verstößt
und dagegen, wie sie fortschreitet. Wir können uns in der
Therapie nicht selbst überholen. Mit der Evolution treibt man
keinen Unfug. Wenn wir nicht an sie glauben, dann ist alles
verloren, und Therapie ist eine nutzlose Übung.
In dem Augenblick, in dem eine Patientin, die etwas aus der frühen
Kindheit wiedererlebt, Worte benutzt wie „Unterhaltung“,
„Befriedigung“, „enttäuscht“ , wissen wir, dass sie sich
nicht im Gefühlsgehirn befindet und dass es kein wirkliches
Erlebnis ist. Eine Fünfjährige benutzt normalerweise diese Worte
nicht. Mit anderen Worten ist Evolution eine Realitäts-Überprüfung
dessen, was die Patientin gerade durchmacht. Wenn wir nicht –
zumindest - minimal wissen, wie sich das Gehirn entwickelt, dann könnten
wir bei der Therapie in die Irre gehen; schlimmer noch, wir könnten
die Patientin über ihr Toleranzniveau hinausstoßen, über den
Punkt hinaus, den ihr die Evolution im Augenblick erlaubt. Wir könnten
sie in ihre Geschichte zurückstoßen, wo massiver Schmerz liegt;
und das alles führt zu Überlastung und dann zu symbolischem
Ausagieren oder Einagieren. Ein Beispiel: Eine Patientin kam einem
Feeling nahe über eine sexuelle Verführung durch ihren Vater.
Der Therapeut drängte sie, dorthin zu gehen. Sie erreichte die
Kante des Feelings, setzte sich dann auf und sagte: „Ich bin
gerettet worden! Gerettet durch den Herrn!“ Sie wurde durch den
Gedanken an den Herrn gerettet, weil das Feeling die
Gedanken-/Glaubenszentren in Aktion brachte, um sie gegen Gefühle
zu verteidigen. Hier griff die Evolution eilends ein, um die
Situation zu retten, und sie tat es auf geordnete Weise.
Wenn
wir also während einer Sitzung Fortschritt beobachten, sehen wir,
wie das Gehirn funktioniert; welche Funktionen es verwendet, um uns zu beschützen,
wie es Gedanken rekrutiert, um uns gleichzeitig sicher und
neurotisch zu machen. Wir sehen, wie Neurose stattfinden kann. Vor
allem lernen wir, wie man die Therapie durchführt; welche
biologischen Gesetze man nicht verletzen darf. Was wir auch
lernen, ist, wie unmöglich es ist, Bedürfnisse zu erfüllen, die
lange über ihr Pflichtdatum hinaus sind.
Wenn
wir uns die Evolution von Babys anschauen, lernen wir die Gesetze
der Fetus- und Kindheits-Evolution; was die Schlüsselbedürfnisse
sind und vor allem, wann sie erfüllt werden können. Gegen dieses
kritische Bedürfnisfenster kann man nicht verstoßen. Nachdem das
Fenster geschlossen ist, ist keine Erfüllung möglich, nur
Besserung. Wir können Neurose nicht weglieben. Schmerz ist stärker
als das.
Wenn
wir einmal anfangen, all das zu verstehen, wissen wir, dass wir
keinen sich später entwickelnden Mechanismus – Gedanken –
benutzen können, um bei Neurose Veränderung zu bewirken.
Gedanken werden dann zu einem Deckmantel für Gefühle und kein
Auflösungsprozess. Ein Grund, warum dies keine Urschrei-Therapie
ist, besteht darin, dass Schreie in der Evolution nach Grunzlauten
kommen. Wenn man unterwegs aus dem Mutterleib ist, aber noch nicht
ganz heraus, dann scheint es keine Schreie zu geben. Wenn wir
Schreie erzwingen, liegen wir falsch. Wenn wir versuchen, etwas
Dramatisches geschehen zu lassen, um zu beweisen, wie schlau und
effektiv wir sind, wird der Patient leiden. Wenn wir Patient sind
und der Evolution trauen, sind wir auf der richtigen Spur.
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Übersetzung:
Ferdinand Wagner