In
über hundert Jahren Psychotherapie hat sich außer der Kosmetik
sehr wenig geändert. Es ist immer noch die Fünfzig-Minuten-Stunde,
das Gespräch, bei dem man sich aufrecht gegenübersitzt, mit
einer Fülle von Einsichten, die in die sanften und beruhigenden Töne
eines besorgten Therapeuten gewickelt sind. Es gibt noch immer die
Ausrede vom Unbewussten als Ort unzulänglich definierter Dämone
– etwas, das man um jeden Preis meiden sollte. Niemand spricht
es aus, aber es ist darin inbegriffen, dass man den Patienten
sorgfältig in die Gegenwart und weg von der Vergangenheit lenkt.
Die Freudianer nennen es jetzt Ego-Psychologie, aber es ist noch
immer Psychoanalyse mit einem etwas anderem Brennpunkt; eine
Verkleidung – antike Ausstattung mit einer modernen Fassade.
Leider haben sie sich im Namen des Fortschritts von der
Vergangenheit entfernt und sich auf einen mehr gegenwartsbezogenen
Ansatz zubewegt. Dasselbe gilt für alle kognitiven und
Verhaltenstherapien. Es findet eine Vergötterung der Gegenwart
statt, des Hier-und-Jetzt, und ein Abrücken vom Einzigen, das
heilt, – von der Geschichte. Wir sind historische Geschöpfe,
neurophysiologisch geprägt von unserer Vergangenheit. Jede
angemessene Behandlung muss sich mit dieser Geschichte befassen.
Wir haben bis jetzt mit dem
falschen Gehirn geredet! Leider spricht dieses Gehirn nicht,
versteht kein Englisch und versteht tatsächlich überhaupt keine
Worte. Das richtige Gehirn ist eines, das unsere Geschichte enthält,
unseren Schmerz; das untere Gehirn, das unsere tiefen Gefühle
verarbeitet, die uns endlich befreien können. Es versteht Gefühle;
wir müssen diese Sprache sprechen – eine ohne Worte. Niemand
kann geheilt werden, solange wir den tiefreichenden Unterbau
emotionaler und psychischer Krankheit nicht verstehen. Worte sind
das Fachgebiet des Neokortex auf der obersten Ebene, der sich viel
später entwickelte als das fühlende Gehirn. Unter dieser
obersten Ebene liegt ein ganzes Leben voller Erfahrung begraben,
das unser Verhalten und die Entwicklung von Symptomen bestimmt.
Das ist der Haken an der Sache. Denn es bedeutet, sich über die
Warnung hinwegzusetzen, Patienten ins tiefe Unbewusste
einzutauchen, in ein Unbewusstes, so beschwören sie uns
flehentlich, das die Psyche unwiderruflich zerstören wird. Und es
ist diese Warnung, eine von vielen gleichermaßen falschen, welche
die Praxis der Psychotherapie im Mittelalter festgehalten hat, und
das im wahrsten Sinne des Wortes, denn man glaubt, es gebe
finstere Mächte, die uns hierhin und dorthin außer Kontrolle
geraten lassen.
Psychotherapeuten
verneigen sich oft vor der Geschichte, aber sie tun es nur
symbolisch. Dennoch ist die Geschichte, die Vergangenheit des
Patienten, Medizin, und es ist die einzige Medizin, die heilt. Die
Vergangenheit ist für den Therapeuten ein Pflicht; ohne sie sind
wir wieder in der alten Psychotherapie der frühen 1900er Jahre. Können
wir uns einen anderen Zweig der Medizin vorstellen, der noch immer
im Griff des Wissens von 1920 ist? Freud schrieb sein Hauptwerk
„Die Traumdeutung“ zu Beginn des letzten Jahrhunderts. Seitdem
gab es sicher ein paar kleine Fortschritte.
Wenn wir einmal die
Geschichte und ihre Entwicklung sehr gut verstanden haben, wissen
wir, dass es bei psychischer Krankheit nicht einfach darum geht,
sie zu verstehen, sondern darum, ihn sie einzutauchen; versunken
in unserer Geschichte, in ihren Gefühlen, ihrer Kraft nachgebend,
bis Worte (unsere oberste Gehirnebene) nicht mehr ausreichen; nur
Gefühle können jetzt den Zweck erfüllen. Worte tun es einfach
nicht mehr. Tatsächlich sind Worte die Antithese der Heilung, schädlich
für jeden therapeutischen Fortschritt – so sonderbar das
klingen mag – weil sie zu oft als Abwehr benutzt werden.
Tatsache ist, für viele Situationen gilt, dass die Gefühlszentren
umso unterdrückter sind, je aktiver das intellektuelle Gehirn
ist.
Ich habe Freudianische
Psychotherapie viele Jahre praktiziert. Ein Hauptgrund war, dass
es für die Praxis der dynamischen Psychotherapie so gut wie
nichts anderes gab. Wenigstens postulierte Freud ein Unbewusstes,
und ich bin mir sicher, würde er heute leben, wäre er kein
Freudianer.
Lassen Sie mich mit meiner
ersten wichtigen Beobachtung in der Therapie beginnen. Ein junger
Mann in der konventionellen Gruppentherapie erzählte von einem
Besuch, den er New York abstattete, um Raphael Ortiz im Absurden
Theater zu sehen. Er sagte, dass Ortiz die Bühne auf und ab
marschierte und „Mama“ rief! Und er lud das Publikum ein, es
ihm gleich zu tun. Als sie das taten, begannen viele Leute im
Publikum zu weinen und schreien. Ich ermutigte diesen jungen Mann,
dasselbe zu tun. Er weigerte sich, aber ich bestand darauf. Schließlich
fing er an, „Mama!“ zu schreien, fiel vom Stuhl und wand sich
unter Qualen auf dem Boden. Das ging so eine halbe Stunde – ich
hatte so etwas noch nie zuvor gesehen. Als er da raus kam, berührte
er den Teppich und sagte: „Ich kann fühlen!“ Er fühlte sich
anders. Ich nahm diese Sitzung auf Band auf und hörte sie mir
hinterher jahrelang an, um zu sehen, welches Geheimnis
dahinter steckte. Ich versuchte es auch erneut mit anderen
Patienten - mit ziemlich genau dem gleichen Ergebnis. Ich wusste,
dass ich etwas sah, das Therapeuten praktisch nie zu Gesicht
bekommen, aber ich wusste nicht, was es bedeutete. Erst Jahre später
fand ich endlich heraus, was es bedeutete. Ich versuchte zu
erkennen, was diese Patienten gemeinsam hatten. Es waren Gefühle
– Zugang zu Gefühlen, was den Unterschied ausmachte. Es sollte
weitere fünfundzwanzig Jahre dauern, um herauszufinden, was im
Inneren der Person und in ihrem Gehirn vor sich ging; aber ich
hatte da eine grundlegende Wahrheit entdeckt. Das Ergebnis, glaube
ich, ist ein neues Paradigma in der Psychotherapie; und es ist
nicht bloß ein Glaube.
Offensichtlich können wir
so viel lernen, wenn wir Patienten gestatten, ohne intellektuelle
Störung tief in ihre Vergangenheit zu gehen. Dort liegt eine
abgeschiedene Wirklichkeit, von der in unserem Fachgebiet keiner
geträumt hat. Und dort liegt die Heilung. Mit „Heilung“ meine
ich, bei den ultimativen Ursachen anzukommen. Wenn wir ein ums
andere Mal sehen, dass Leute mit Migräne oft Sauerstoff-Entzug
bei der Geburt wiedererleben, fangen wir vielleicht an zu
begreifen, dass Sauerstoff-Entzug vielleicht ein Grund für
spätere Migräne ist. Besonders wenn diese Migränen nach vielen
Wiedererlebnissen zu verschwinden beginnen. Und das
ohne fixierte theoretische Geisteshaltung. Dasselbe trifft
auf viele Symptome zu. Solange wir in der Therapie die Beziehung
zwischen hohem Blutdruck und traumatischen Ereignissen um die
Geburt nicht sehen, können wir ihn nicht signifikant verändern.
„Heilung“ bedeutet, sich mit der ultimativen Ursache unseres
Verhaltens und unserer körperlichen Probleme zu befassen und sie
wiederzuerleben. Das können wir erst tun, wenn wir anerkennen,
dass sehr frühe Ereignisse – auch solche, die vor der Geburt
geschehen- eingeprägt werden und lebenslang fortbestehen; dass
wir, um ernsthafte oder sogar lebensbedrohliche Symptome zu
beseitigen, zurückgehen und jene Leidensaspekte einer Einprägung
wiedererleben müssen, die wir ursprünglich aufgrund ihrer
Schmerzlast nicht erleben konnten. In meinem Buch Primal
Healing dokumentiere ich die vielen, vielen Studien, welche
die dauerhafte Macht früher Prägungen bestätigen.
Es gibt kein Jungsches
Unbewusstes oder Schattenkräfte, die uns blind machen für die
Realität des Patienten, kein ‚Es’ und auch keine anderen
geheimnisvollen Begriffe. Wir können beobachten und später können
wir vielleicht einige Schlüsse ziehen. Diese Schlüsse würden
unseren Beobachtungen folgen. Das Problem ist die Notwendigkeit,
aktuelle Beobachtungen in eine Art vorinstallierter Theorie zu
integrieren, um ihnen einen Sinn zu geben. Einige
Vergangenheits-Traumata machen
keinen „Sinn“ im gewohnten Schema der Dinge, es gibt keine
Worte oder Szenen, die man ihnen zuordnen könnte. Ich sah
monatelang Geburts-Wiedererlebnisse und sagte meinen Patienten,
dies sei absoluter Unsinn, weil mir die neurologische Abteilung
der lokalen Universität mitteilte, dass es nicht möglich sei.
Aber sie dauerten an und ich musste mein Denken neu orientieren.
Nicht nur, dass es möglich ist, sondern wir haben es jetzt bei
Hunderten von Patienten aus vielen Ländern der Welt gesehen
einschließlich bei jenen Individuen, die in meinen Büchern nie
davon gelesen haben. Es ist ein messbares Ereignis. Und wir haben
es im UCLA Lungenlaboratorium und in mehreren Hirnwellen-Studien
erforscht.
Thomas Kuhn schrieb, dass
es in der Evolution der Wissenschaft periodische Wechsel oder Sprünge
gibt, die größere Richtungsänderungen in einer speziellen
Wissenschaftsdisziplin darstellen. Er bezeichnete diese Sprünge
als Paradigmenwechsel. Aus unserer Sicht stellen Primärtherapie
und Primärtheorie einen bedeutenden Paradigmenwechsel in der
Wissenschaft der Psychologie dar. Und im Verlauf dieser neuen
Perspektive möchte ich demonstrieren, wie ein Gehirnsystem, das
dazu bestimmt ist, uns unter Stress funktionieren zu lassen, tatsächlich
die Wurzel unserer psychischen Probleme ist. Es ist die Geschichte
der Evolution des Gehirns und der Gefühle. Und Evolution kann man
bei der Therapie von Menschen nicht ignorieren. Nehmen wir als
Beispiel tiefe Depression. Es gibt jetzt moderne Techniken, um sie
zu bessern – von Tranquilizern und Schmerztötern bis zu Löchern,
die man ins Gehirn bohrt, um es tief drinnen zu sondieren. Der
Grund, warum wir Medikamente und Chirurgie benutzen mussten, ist,
dass es bisher keine Therapie gibt, die tief genug gehen kann, um
die Areale zu beeinflussen, die besonders an der Verarbeitung
psychsichen Schmerzes beteiligt sind. Wir können das und wir
machen das. Deshalb können wir das Wort „Heilung“ benutzen.
Uns Fachleuten und
Patienten fällt es vielleicht schwer, eine Gefühlsmethode zu
akzeptieren, die dem zu widersprechen scheint, was wir für
richtig halten. Nämlich dem Wert von Gedanken, Einsichten und
Glaubensüberzeugungen für die Einschätzung von Fortschritt in
der Psychotherapie. Therapeuten nehmen den Patienten dafür beim
Wort. Das sollte das Letzte sein, was wir tun sollten; den die
intellektuelle linke Gehirnseite kann sich alle möglichen
Heilungen und Erleuchtungen vorstellen, während der Subtext, das
Unbewusste, voller rätselhafter Agonien steckt. Neurose ist nicht
auf einen Mangel an Einsichten zurückzuführen noch kann sie
durch diese geheilt werden. Was heilt, ist eine Erfahrungstherapie
und keine kognitive.
Wen das, was wir in der
Psychotherapie machen, nicht besser ist als religiöse
Erleuchtung, haben wir nicht viel erreicht. In religiösen Zuständen
fühlt sich die Person tatsächlich oft besser, sie ist
optimistischer und funktionsbereiter. Unser Fachgebiet hat
zumindest einige wichtige Fortschritte gemacht beim Verständnis
der lebenslangen Auswirkungen früher nonverbaler oder präverbaler
Ereignisse auf das Erwachsenenverhalten. Und wir müssen diese präverbalen
Ereignisse mit nonverbalen Methoden messen; diese Maschinen und
Bluttests, die uns sagen, was in den tiefen Schlupfwinkeln des
Gehirns hinterlegt worden ist.Jede Woche bringt eine neue Bestätigung
unserer Position: eine Studie mit neugeborenen Ratten, die einfach
eine kleine Reihe schmerzhafter Stiche erhielten, ergab größere
Alkohol-Präferenz bei erwachsenen Tieren. Nichts davon ist noch
ein Geheimnis. Es bleibt die Frage, was wir damit machen sollen.
Mit „damit“ ist die Einprägung gemeint. Was wir machen müssen,
ist verstehen, dass die Leidenskomponente frühen präverbalen
Schmerzes niemals gefühlt und integriert wurde; vielmehr wurde
sie verschlüsselt und gespeichert und wartet auf ihre Chance,
sich mit präfrontalen Gehirnzellen zum
Zwecke der Integration zu treffen. Wir müssen in der
Therapie langsam zu Ereignissen zurückgehen (umgekehrte Neurose),
die eine solche Schmerzlast tragen, dass man jedes Mal nur Teile
davon erleben kann; genau das ist notwendig. Wie ich erwähnte,
ist es umgekehrte Neurose, eine Umkehrung, bei der wir keine
Stufen überspringen dürfen, wenn wir die Evolution
nachvollziehen. Wir können nicht direkt zum Geburtstrauma zurückgehen.
Was anscheinend ganz früh
geschah, ist, dass der Geburtschmerz oder der Schmerz, gleich nach
der Geburt stundenlang allein gelassen zu werden oder in den
ersten Lebensmonaten nicht berührt zu werden, großen Schmerz
verursachte. Die Leidenskomponente dieses Schmerzes wird
abgeschnitten und aufbewahrt, während die präzise Erinnerung
daran vielleicht woanders gespeichert wird. Deshalb kann ein
Patient ein Ereignis in Einzelheiten erinnern („Sie gaben meinen
Hund weg“) und dennoch Monate brauchen, um den Schmerz darin zu
fühlen. Wir fangen den verborgenen Schmerz wieder ein - den Teil,
der abgeschnitten wurde – und helfen dem Patienten, ihn nach und
nach zu erleben. Nie in einer Sitzung sondern in vielen Sitzungen
über Monate und Monate. Alles andere widersetzt sich der
Evolution und dem Verständnis der Valenz des Schmerzes, der auf
den tiefsten Ebenen des Unbewussten residiert.
Eine Studie der finnischen
Wissenschaftler M. Huttunen und P. Niskanen untersuchte Kinder,
deren Väter entweder starben, während die Mutter schwanger war,
oder während des ersten Lebensjahres des Kindes. Der Nachwuchs
wurde über einen Zeitraum von 35 Jahren überprüft, indem man
dokumentarische Beweismittel benutzte. Nur diejenigen, die ihren
Vater verloren, während das Kind im Mutterleib war, hatten ein
erhöhtes Risiko für psychische Erkrankungen, Alkoholismus/Sucht
oder kriminelles Verhalten. Die emotionale Verfassung der Mutter
war beeinträchtigt, und das hatte womöglich lebenslange schädliche
Wirkung auf das Kind. Die Ergebnisse dieser Studie legen nahe,
dass der psychische Zustand der schwangeren Mutter mehr
Langzeit-Effekte auf das Kind hat als der psychische Zustand der
Mutter während der Jahre, die auf die Geburt folgen. Und wenn wir
Sucht erforschen, müssen wir unsere Aufmerksamkeit auf das Leben
im Mutterleib richten.
Solange es keine Wissenschaft der Psychotherapie gibt, eine, die
sich mit moderner Neurowissenschaft vereinigt, wird es
menschliches Leiden geben ohne reale Chance auf Erleichterung und
Heilung. Depressionen, Angst, Phobien und Zwänge werden ad
infinitum weitergehen. Wir brauchen eine Neuorientierung für
unser Tun, um unseren Bezugsrahmen zu öffnen. Wir müssen von der
Sichtweise wegkommen, die den Menschen als entrindetes Gehirn
sieht, das eines Körpers und seiner Hormone beraubt ist. Wir müssen
Psychologie mit Neurologie und Biologie zusammenführen, sodass
der Mensch nicht für Studienzwecke in kleine Stücke zerlegt
wird. Und einmal zerlegt wird jeder Aspekt zum Gegenstand
statistischer Analyse, die Psychotherapie als Wissenschaft
anscheinend nicht vorwärts bringt. Wir brauchen ein radikal neues
Paradigma in der Psychologie und Psychotherapie; eines, das auf
Evolution, Gefühlen und eingeprägter Erinnerung gründet. Überall,
wo wir hingeschaut haben, bei Tausenden von Patienten aus etwa
zwanzig Ländern haben wir Schmerz als Grundlage von all dem
gefunden.
Die Frage lautet: Wie
werden wir den Schmerz los? Bis jetzt war unser einziger Rückhalt,
ihn mit Tranquilizern zu unterdrücken oder ihn mit Myriaden
Einsichten tot zu reden. Wir wissen jetzt, dass die Aufgabe nicht
darin liegt, diesen unbewussten Schmerz zu vermeiden, sondern
darin, in ihm aufzugehen. Zuerst müssen wir zurückgehen und die
Vergangenheits-Erinnerung der Reihe nach wiedererleben, jedes Mal
ein Stückchen, wie sie abgelegt worden war. Wir müssen in alte
schmerzvolle Gefühle versinken und zulassen, dass sie uns einen
Augenblick kontrollieren, und dann - dialektisch - können wir sie
kontrollieren. Die inbewusste Kraft, die unser Verhalten und
unsere Symptome steuert, gibt es dann nicht mehr. Es gibt einen
Weg, die unbewussten Kräfte loszuwerden, die uns Alpträume,
hohen Blutdruck und unzählige Varianten des Ausagierens
bescheren, nicht zuletzt der sexuellen Art. Wir müssen dieses
Unbewusste an die Oberfläche steigen lassen, zulassen , dass es
uns schüttelt, zum Weinen und Schreien bringt inmitten von Wellen
aus Schmerz, und dann, wer hätte das gedacht, sind wir frei! Und
diese Freiheit, diese Fähigkeit zu fühlen ist unbeschreiblich.
Wir können es messen und haben es tatsächlich im Blut, im
Speichel und im Gehirn gemessen. Und natürlich ist es durch das
Verhalten des Patienten offensichtlich. Aber die Bezeugung von
Patienten ist nur ein Aspekt dessen, was wir uns anschauen.
Wenn wir uns aus tiefster
Seele von unseren Eltern ungeliebt fühlen, öffnen wir schließlich
die Kanäle, um Liebe zu akzeptieren – weil wir fühlen können.
Bis dahin wird die Einprägung Abwehr mit einschließen und Gefühle
daran hindern, hinaus oder hinein zu gelangen. Wenn wir verborgenen Schmerz
und seinen Kontext – seinen Ursprung - fühlen können, geben
wir den Patienten ihre Gefühle zurück, die wichtigste Gabe, die
ein Therapeut ihnen anbieten kann. Das kann nicht geschehen, wenn
wir glauben, das Unbewusste sei eine unveränderliche Kraft, die
in den dunklen Antipoden des Geistes lauert und darauf wartet, uns
zu zerstören; eine gedankenlose, übelwollende Macht des Bösen.
Wenn man schließlich dieser sogenannten Theorie die Verkleidung
herunterreißt, ist sie einfach eine weitere mystische Auffassung
ohne jegliche Realität. Auf der Grundlage von Mystizismus werden
Patienten niemals gesund.
Ich habe meine Patienten
so tief und weit wie möglich in ihre Vergangenheit gebracht, und
ich habe nie einen Dämon oder eine dunkle teuflische Macht
gefunden. Alles, was ich je gesehen habe, ist abgeschiedener
Schmerz. Alles, was dort liegt, ist reines Bedürfnis, das aus der
frühen Kindheit stammt, in der diese Bedürfnisse hätten erfüllt
werden sollen. Sie sind hier, weil sie damals nie erfüllt und
aufgelöst wurden. Jetzt steuern sie uns als Erinnerung an einen
wahren Mangel an Befriedigung am Lebensanfang. Wir agieren jetzt
aus und versuchen Befriedigung zu finden, aber alles, was wir
finden können, ist symbolische, hohle Erfüllung, die am realen
Bedürfnis nichts ändert.Wir müssen zurückgehen und dieses Bedürfnis
in seinem ursprünglichen Zusammenhang und in seiner ursprünglichen
Form fühlen; nur dann werden wir von ihm frei sein. Wir haben
dann das „Bedürfnis nach“ (Drogen, Essen, Sex) in das reine
frühe Bedürfnis nach Liebe umgewandelt, als es eine
Angelegenheit des Überlebens an sich war.
Wie können wir einen
Feind bekämpfen, wenn wir nie wissen, wie er aussieht? Sind Gefühle
ein Feind? Ihre Kraft ist es. Sie bleiben eine femde Macht, weil
sie zu jener Zeit nicht integriert werden konnten; ihre Valenz war
viel zu stark. Jetzt sind wir älter und stärker und können es
bewältigen, ihnen zu begegnen.
Ich gebrauche das Wort
„Heilung,“ das man nicht mit Schmach behandeln sollte, sondern
vielmehr als Zustand, den man eifrig anstrebt. Wenn wir in der
Lage sind, zu den frühesten Lebenstagen zurück- und
hinabzureisen und eingeprägte Geschichte ungeschehen und rückgängig
zu machen, dann können wir den Begriff „Heilung“ benutzen.
Wir sind bei den ultimativen Ursachen angekommen. Wenn wir nicht
zu den fernen Bereichen des Unbewussten zurückreisen, können wir
den Begriff „Heilung“ nicht benutzen. Wir überfliegen nur die
Oberfläche und lassen eine massive dunkle Kraft unangetastet. Wir
müssen auf dem Ziel der Heilung und auf den Wegen beharren, die
uns dorthin bringen. Einsichten in der Therapie bringen uns nie
dorthin. Neurose wird nicht durch einen Mangel an Einsichten
verursacht und nicht dadurch geheilt, dass man sie fördert. Es
reicht nicht zu bekunden, dass wir für unsere Patienten Heilung
wollen; wir müssen den Beweis sehen, nicht nur in ihren Aussagen
sondern in den verschiedenen Änderungen bei den Hormonen, in
anderen biologischen Veränderungen und in der Gehirnfunktion.
Kurz gesagt dürfen wir den Körper nicht aus der Gleichung
weglassen, was bei der modernen Psychotherapie zu oft passiert.
Was also ist so wichtig am
Wiedererleben, was ist in der Tat die sine qua non jeder
effektiven Psychotherapie? Es bedeutet, die Evolution des Gehirns
anzuerkennen. Es bedeutet, die Rolle von Gefühlen in der Therapie
in Betracht zu ziehen. Wenn das auf systematische Weise über
viele Monate gemacht wird, ist es überhaupt nicht gefährlich.
Aber dann ist das Problem, dass die psychoanalytische Sicht des
Unbewussten eine Hinwendung zu der alten religiösen Auffassung
der 1800ter Jahre ist – dunkle und dämonische Mächte (auch
bekannt als ‚Es’ oder Schattenmächte), die auf Ebenen
jenseits unserer Reichweite marodieren. Das ist ein Grund, warum
sie sich vom Unbewussten fern halten. Aber wenn sie je diese
Warnung missachten und dieses intellektuelle, einsichtsvolle
Gehirn umgehen sollten und die Patienten in ihre Vergangenheit
gleiten lassen, würden sie sehen, was im Unbewussten liegt. Sie würden
nicht mehr als unsere Geschichte finden, ausgelegt in der
richtigen Reihenfolge von der Gegenwart zu den entferntesten
Ereignissen einschließlich Geburt und Leben im Mutterleib. Und es
wäre keine ungefähre Methode; sie wäre präzise; Erinnerungen,
die auf Lager liegen und darauf warten, dass sie an die Reihe
kommen und sich mit dem vollen Bewusstsein verknüpfen können.
Wir müssen verstehen, dass die Leidenskomponente von frühem präverbalen
Schmerz nie gefühlt und integriert wurde; vielmehr wurde sie
verschlüsselt und und gespeichert und wartet jetzt auf ihre
Chance, sich zur Integration mit präfrontalen Gehirnzellen zu
treffen. Wir müssen in der Therapie langsam zurückgehen -
Neurose und Evolution rückwärts – zurück zu Ereignissen, die
eine solche Schmerzlast tragen, dass man jeweils nur ein Stück
davon erleben kann. Genau das ist nötig. Genau das heilt.
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Übersetzung:
Ferdinand Wagner