Über
den Begriff „Selbstachtung“ wird so viel diskutiert, dass er meiner
Ansicht nach noch mehr Diskussion rechtfertigt. Wir müssen herausfinden,
was das wirklich ist. Also zuerst einmal die Frage, gibt es so etwas?
Nein. Warum nicht? Weil es kein Gefühl ist. Selbstachtung ist eine Idee,
die Freunde oder Therapeuten verwenden können, eine Vorstellung, die sie
stärken oder schwächen können. Was ist sie also? Sie ist ein Gefühl,
dass ich akzeptiert, geliebt, bestätigt, gewollt, begehrt und für
wichtig gehalten werde.
Normale,
geliebte Individuen denken nie darüber nach. Sie haben sie einfach und
handeln entsprechend. Wer darüber nachdenken muss, hat sie nicht. Und
wenn also andere dir sagen, was du hören musst, dass du wichtig bist,
geschätzt und akzeptiert wirst, hebt das die Achtung ein bisschen. Es ist
ein künstliches Anheben. Es dämpft die realen Gefühle, Gefühle, die
seit der Zeit im Mutterleib fortschreitend installiert wurden.
Warum
also haben wir das Gefühl, dass wir geringe Selbstachtung haben, etwas,
das gestärkt werden muss? Wenn wir geboren werden, beginnen wir anderen
zu folgen. Die Eltern sagen uns, was und wann wir essen müssen. Wohin wir
uns setzen müssen (und nicht herumzappeln oder herumlaufen). Wann wir
hinaus dürfen und wann nicht. Man fragt uns nicht: „Was hättest du
gerne zum Essen?“ „Wann willst du essen?“ Ad infinitum. Nach und
nach sinkt es ein: „Ich bin nicht wichtig und es kümmert niemand, was
ich denke oder fühle.“ Besonders am Esstisch, wo die „wichtigen“
Leute reden und wir zuhören; niemand entlockt uns unsere Meinung über
die Wandfarbe, die Art von Stühlen, auf denen wir sitzen, und wann wir in
dem Raum Gäste empfangen dürfen. Auf diese Weise schafft man Achtung,
nicht unbedingt durch Eltern, die sagen, dass du wichtig bist, sondern
eher, indem man von Kindheit an wie jemand behandelt wird, der wichtig
ist. Eltern, die uns wertschätzen, werden von ihren Gefühlen
gelenkt, die schnell zur Tonspur unseres Lebens werden.
Das
kann sich alles durch Eltern verschlimmern, die uns ausdrücklich sagen,
dass wir dumm und unfähig sind. Oder sie verhindern, dass wir mit
wichtigen Werkzeugen umgehen können. Oder sie nehmen sich nicht die Zeit,
Dinge zu erklären. Was bewirkt das? Es bedeutet, dass du nicht wichtig
genug bist, um jemandens Zeit wert zu sein. Ein ungeduldiger Elternteil,
der angespannt und ängstlich ist, lässt dich unwichtig fühlen. Du musst
sofort lossprechen und auf die Antwort warten, die vielleicht nicht kommt.
Du hast das Gefühl, dass du nicht zu viel ihrer wertvollen Zeit
beanspruchen kannst. Es erzeugt die unterschwellige Botschaft: „Ich bin
nicht wichtig.“
Gleich
nach der Geburt wird die Grundlage für geringe Selbstachtung geschaffen,
wenn das Neugeborene allein gelassen wird und nicht sofort geherzt und
liebkost wird. Wenn man danach kämpfen muss, um sie dazu zu bringen, dass
sie aufmerksam sind, baut man Minderwertigkeitsgefühle auf. Es sind diese
kleinen Ereignisse in unserem ganzen frühen Leben, die das bleibende Gefühl
aufbauen, dass man unwichtig ist. Wenn Eltern darauf warten, dass du sie
herzst, anstatt dass sie loseilen und dich umarmen, ensteht eine weitere
neurotische Blockade, die dein geringes Selbstwertgefühl verschlimmert.
Es ist kein überlegter Prozess. Wenn die Eltern als Individuen unnahbar
und schwer verdrängt sind und auf das Kind nicht mit Gefühlen, mit Eifer
und Leidenschaft reagieren können, ergibt sich bei einem Kind ein
weiteres angehäuftes Gefühl; es fühlt sich jetzt wertlos und der Zeit
oder Liebe eines anderen nicht wert – weniger wert.
In
Ordnung, jetzt suchen wir jemanden auf, der oder die unsere Selbstachtung
hebt. Können wir das? Nein. Unsere Therapeutin glaubt, dass wir
wundervoll seien und lobt uns; das dauert kurze Zeit an, aber das
wirkliche Gefühl stellt sich schnell wieder ein. Und dieses Gefühl ist
das Ergebnis einer Myriade von Ereignissen, die alle heißen: „Ich bin
nicht wichtig. Ich werde nicht geliebt.“ Diese Gefühle setzen während
der kritischen Periode ein, die wahrscheinlich vor dem Alter von sechs
Jahren stattfindet. Danach ist alles symbolische Erfüllung und nicht von
Dauer. Aber wir können süchtig werden und immer mehr Lob brauchen, weil
es symbolische Erfüllung ist lange nach ihrem Fälligkeitsdatum. Wenn man
uns Komplimente macht (und jemanden, der sich unwichtig fühlt, kann man für
ein einziges Kompliment „kaufen“), lindert das den Schmerz
augenblicklich. Es funktioniert wie ein Beruhigungsmittel; mildert den
Schlag. „Du bist so ein guter Mensch. Du bist so wichtig für mich.“
Der Grund, warum das wirkliche Gefühl nie ausgedacht ist, besteht darin,
dass es ein Gefühl ist, welches das Ergebnis von Tausenden sehr früher
Erfahrungen ist. Diese Erfahrungen fügen sich um sehr wenige Gefühle
herum zusammen, aber diese Gefühle treiben so viel symbolisches
Ausagieren an.
Die
bloße Tatsache, dass ein Kind in der Wiege sehr lange nach seiner Mutter
schreien kann, flößt dieses Gefühl der Unwichtigkeit ein. Denken Sie
daran, „Achtung“ ist ein Wort. Man „fühlt“ sich nicht unbedingt
geachtet. Man fühlt sich geliebt, und das erledigt alles. Fühlt man sich
einmal geliebt, sucht man nicht mehr nach dieser trügerischen
„Achtung“. Leute, die weitersuchen, werden sie nie finden. Es ist zu
spät. Und es ist nicht nur eine einzige Sache, die man sucht – Achtung.
Man sucht in Wirklichkeit nach jemanden, der einem ein inneres Gefühl
einflößt, das er nicht einflößen kann; jemand, der ungeschehen machen
kann, was uns zugestoßen ist. Kein Therapeut kann unser Achtungsniveau
heben; nur wir können das, indem wir jene Schlüsselerlebnisse fühlen,
die uns nach und nach das Gefühl gaben, ungeliebt ihrer nicht wert zu
sein. Bis dahin brauchen wir Lob und noch mehr Lob, weil das wirkliche Gefühl
durchsickert.
Umgekehrt
kann eine einzige Kritik jemanden zerstören, der sich unwichtig fühlt.
Warum? Weil das den wirklichen Schmerz auslöst. „Ich bin wertlos und du
(sie) hast (haben) es einfach bewiesen. Wenn es etwas gibt auf der Welt,
das die meisten von uns nicht ertragen können, dann ist es Kritik, auch
leichte Kritik. Wir verbringen unser Leben damit, sie abzuwehren, so dass
mit diesen Gefühlen nicht konfrontiert werden und sie nicht fühlen müssen.
Und diejenigen, die sich schlecht fühlen, tun, was immer sie können, um
Kritik zu meiden. Wenn sie geschieht, können Leute es fertigbringen, ihr
Verhalten sofort zu rationalisieren oder es auf jemand anderen schieben:
„Ich hätte es besser gemacht, wenn du nicht........“ Es kann nie ihr
Fehler sein, weil hinter dieser Anschuldigung ein Berg von Schmerz steckt.
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Übersetzung:
Ferdinand Wagner