Depression
war lange Zeit ein Geheimnis, weil wir die Verknüpfung zwischen
der Zeit im Mutterleib plus dem Trauma, das mit der Geburt kommt,
und späterer psychischer und körperlicher Krankheit ignoriert
haben. Würden wir ein Transparent der Charakteristika der
Depression über die Auswirkungen des Geburtstraumas legen, fänden
wir heraus, dass sie perfekt zusammenpassen. Alles, was ein Mensch
damals während des Geburtstraumas fühlte, ist auch eine
Beschreibung seiner gegenwärtigen Depression. „Ich kann nicht
mehr. Es ist alles zu viel. Ich stecke fest und komme nicht vom
Fleck,“ usw. Und
dann das Ausagieren, das auf diesen Gefühlen gründet; ein
Therapeut, der keinen Zug machen kann, wenn es in der Therapie
erforderlich ist. Der Depressive hat einfach den Kontakt mit
seiner Geschichte verloren und das alte Gefühl in die Gegenwart
umgewandelt. Es ist nicht so, dass das Gefühl falsch ist; es ist
einfach in die falsche Epoche verlagert worden. Die
Weltuntergangsgefühle sind real, keine neurotische Verirrung. Das
war damals, als es entstand, sehr richtig; nicht richtig ist es in
der Gegenwart. Meine Definition von Neurose ist, dass man in der
Gegenwart aus Gefühlen der Vergangenheit heraus handelt. Aber für
den Augenblick müssen wir wissen, dass die Traumen, die sich im
Mutterleib, bei der Geburt und in der frühen Kindheit festsetzen,
im Nervensystem verschlüsselt, registriert und gespeichert
werden. Sie werden zu einer Schablone für das, was später
geschieht.
Würde
ich Ihnen sagen, dass Depression und alle seine Symptome von einem
einzigen Ereignis stammen, wäre es schwer zu glauben, und dennoch
stimmt es in gewisser Hinsicht und stimmt nicht in anderer;
nichtsdestotrotz ist das Geburtstrauma eine der Wurzeln der
Depression. Das ist keine Theorie, die ich ausgeheckt habe,
sondern vielmehr ein Ergebnis der Beobachtung an vielen
depressiven Patienten aus vielen Ländern, welche dieselbe Art von
Traumen wiedererlebten. Nachdem wir Hunderte Depressiver
erfolgreich behandelt haben, Gehirnforschung mit ihnen angestellt
haben und sie auch biochemisch untersucht haben, scheint es, dass
das Geburtstrauma, das die Erfahrungen im Mutterleib verstärkt,
ein ursächlicher Faktor ist. Zur Schwere des Problems trägt bei,
dass die Wirkungen des Geburtstraumas dann durch spätere
Lebensumstände verschlimmert werden. Jüngere Forschung hat
herausgefunden, dass die Depression der schwangeren Mutter oft die
beim Nachwuchs erzeugt. Dennoch würde es wahrscheinlich später
zu keiner schweren Depression kommen, wenn es keine ernsthaften
Abweichungen bei der schwangeren Mutter und keine traumatische
Geburt gäbe. Vor allem gäbe es nicht das, was als endogene
Depression bekannt ist, etwas, das uns ohne offensichtliche
Warnung beschleicht und uns tief in seinem Schlund hilflos zurücklässt.
Das heißt nichts anderes, als dass wir unsere Aufmerksamkeit auf
das kritische Fenster richten müssen, wo so viele spätere
Probleme verankert werden.
Depression
(neurotische Depression) ist kein Gefühl oder keine sonderbare
unheilbare Krankheit; sie ist ein Zustand von Schmerz und
Verdrängung. Depression ist systemweite Verdrängung, die viele
Gefühle zudeckt. Sie ist die Geschichte der Erfahrung, die der Körper
im Lauf der Zeit gemacht hat und die jetzt ihre Kraft ausübt. Der
Ausdruck der Gefühle stellt das Ende der Depression dar; aber
zuerst müssen wir wissen, was wir genau fühlen und was wir ausdrücken
müssen. Das ist der Haken an der Sache. Denn was da ausgedrückt
werden muss, das kann man für gewöhnlich nicht mit Worten
machen, weil das Ereignis an sich – das Geburtstrauma – kein
Ereignis ist, das sich mit Worten ausdrücken lässt. Die
Empfindungen, die ein Baby während der Geburt erlebt, werden in
einem Gehirnareal erzeugt, das weit unterhalb der verbalen Fähigkeiten
liegt. Dieser Gehirnteil – der Hirnstamm und das limbische
System – ist kognitiv ein Analphabet, aber brillant im Sinne
seiner eigenen Sprache. Wenn wir erst anfangen, das zu verstehen,
werden wir sehen, dass Depression nicht das Geheimnis ist, als das
es verstanden worden ist, und dass man sie tatsächlich
erfolgreich behandeln kann. Wenn ein frühes Trauma einmal tief
drinnen im Gehirn eingeprägt worden ist, schreit es buchstäblich
seinen Schmerz hinaus, allerdings nie mit Worten. Wir verlieren,
wenn wir es mit Worten erreichen wollen, was die aktuelle Praxis
ist, denn es ist ein Dialog unter Tauben. Das Trauma spricht in
einer Sprache der Eingeweide, des Blutsystems und der Neuronen.
Wir können die Sprache lernen und wirkungsvoll mit ihm reden,
wenn wir einmal die Technik besitzen. Genau das bieten wir unseren
Depressiven an.
Über
die vielen Millionen Jahre hat die menschliche Evolution eine Art
Normalität in verschiedenen Aspekten unserer Physiologie
geschaffen; eine Art enges Spektrum biologischer Prozesse, die das
beste Funktionieren und Langlebigkeit gewährleisten. So hat der
Blutdruck genau wie so viele andere Funktionen einen
Normalbereich. Aber bald nach der Empfängnis und bevor der
Normalbereich endgültig festgelegt wird, geschehen im Mutterleib
Ereignisse, die diese Normalwerte dauerhaft abändern. So wird
unser Herzschlag jetzt auf ein zu hohes „Normalniveau“
gesetzt. Das neue Niveau scheint normal, weil es schon früh in
der Schwangerschaft festgelegt wurde. Aber es ist ein
„Neueinstellungswert“, der in unser System eingraviert wurde,
bevor die anderen „Normalwerte“ festgelegt wurden. Dieses neue
Normal kann zu einer Veränderung in der Funktion unseres
Neokortex führen. Vielleicht haben wir dann eine Tendenz, dass
wir für angemessene Überlegung zu schnell denken. Oder wir haben
eine verminderte Fähigkeit, unsere Impulse zu kontrollieren und
zu integrieren. Es ist leicht, das alles der Vererbung
zuzuschreiben. Schließlich ist es ein Geschenk von Mutter; aber
nicht so, wie wir uns das vorgestellt haben. Es geht darum, wer
die Mutter ist [NU 1], denn das formt ihr Baby. Die Emotionen des
Kindes sind vielleicht schon verzerrt, wenn es auf diese Welt
kommt. Es kann lethargisch und passiv sein vom ersten Tag an. Der
Download ist entweder Liebe oder Nicht-Liebe, Regulierung nach
unten oder nach oben. Er formt die Matrix für die kindliche
Physiologie und Gehirnentwicklung und natürlich für seine spätere
psychische Verfassung. Hoffnungslosigkeit ist meistens
Herunterregulierung und der Vorläufer für spätere Depression.
Übersetzung:
Ferdinand Wagner