Dr.
Arthur Janov
Oxytozin (Teil 1-5)
(1) Fühlen
ist das zentrale Organisationsprinzip menschlichen Verhaltens. Sie
können Fühlen im Gehirn, in der Körper-Biochemie, in der
Muttermilch, im Speichel und in Lumbakpunktionen messen. Wir können
es in Gehirnsubstanzen wie Serotonin, Oxytozin, Vasopressin und
Dopamin messen. Gefühle sind allumfassend, und Liebe ist das
zentrale Gefühl im Umgang zwischen Menschen. Man kann sie überall
im System finden, weil es überall Fühlen gibt. Ausgenommen –
ausgenommen dort, wo es blockiert und versteckt wird. Dann haben
wir einen Hinweis auf Schmerz und Verdrängung. Somit kann eine
Substanz wie Oxytozin ein Zeichen für Liebe sein. Allgemein
gesagt kann sie anzeigen, wo und wann Furcht und Schmerz von ganz
früh an den Platz von Liebe eingenommen haben. Liebe wird
allgemein definiert als Bedürfnisbefriedigung in zeitgerechter
Weise; das bedeutet, es gibt auch bereits im Mutterleib -während
der Schwangerschaft- Bedürfnisse, die erfüllt werden müssen.Wenn
das nicht geschieht, kann es Auswirkungen auf alle Arten
biologischer Prozesse einschließlich Oxytozin geben. Wenn ich
sage, dass ein Baby eine ruhige Umwelt braucht, schließt es die
Schwangerschaft mit ein. Eine deprimierte/ängstliche Mutter
stellt keine ruhige Umwelt bereit; der Fetus reagiert
neurochemisch sensibel auf ihr Stressniveau und auf ihre
Reaktionen.
Liebe ist wichtig, weil sie das Überleben
der Spezies gewährleistet; es ist eine Art Garantie, dass der
Nachwuchs gesund und sexuell wird, dass weiterhin eine Spezies
heranwächst, die im Umgang mit Widrigkeiten Stärke zeigt. Liebe
übersetzt sich auch in psychische und körperliche Gesundheit und
sorgt für die besten Überlebenschanchen des Nachwuchses. Sie ist
kein flüchtiger, mystischer Begriff, der über uns in irgendeiner
Traumwelt schwebt. Sie ist messbar; die Prozesse der Liebe lassen
sich quantifizieren. Liebe macht, dass wir uns gut fühlen. Sie
ist auch ein wirkungsvoller Schmerztöter – nicht für kurze
Zeit, sondern ein Leben lang. Wenn es folglich genug Liebe bereits
im Mutterleib gibt, spiegelt sie sich als Prägung des
Oxytozin-Spiegels wider, die uns durchs ganze Leben folgt. Wenn
dieser Spiegel hoch ist, haben wir lebenslang die passende Menge
Schmerztöter in unserem System. Wenn er niedrig ist, können wir
den größten Teil unseres Lebens ängstlich sein und unter
Schmerz stehen und nie wissen warum. Wir überreagieren vielleicht
auf Ereignisse, weil unser Ruhespiegel so hoch ist, dass nahe zu
alles ihn auslösen kann. Und wir haben keine Mittel mehr, um den
Schmerz zu blockieren.
Oxytozin bedeutet „schnelle Geburt.“
Ein synthetisches Oxytozin, das als Pitozin bekannt ist, gibt man
Müttern, die Stimulierung für ihre Wehen brauchen. Ich vermute,
dass einige Mütter, die zur Beschleunigung des Geburtsprozesses
Oxytozin brauchen, vielleicht eine persönliche Geschichte voller
Schmerzen hatten, die ihren Spiegel absenkte und somit das Gebären
schwierig macht. Die Statistik weist darauf hin, dass Mütter, die
durch Kaiserschnitt gebären, niedrigere Oxytozinspiegel haben.
Wenn Müttern Oxytozin verabreicht wird, um den Geburtsprozess zu
erleichtern, verstärkt es außerdem auch die Liebe, die sie für
ihr Kind empfinden; sie stillen besser und sind entspannter mit
dem Baby. Im Gegensatz dazu kann eine ängstliche Mutter ihrem
Nachwuchs einen niedrigen Oxytozinspiegel hinterlassen, der dazu
beiträgt, dass das Kind später im Leben Probleme hat, sich zu
binden und Beziehungen einzugehen, und der ebenso eine latente
Tendenz zur Sucht birgt. Somit übersetzt sich früher
Liebesmangel in Chemikalien, die für Bindung nicht ausreichen und
einen Teufelskreis des Elends schaffen –unglückliche
Beziehungen, schlechte Sexualfunktion und gescheiterte Ehen mit
Qualen und verlassenen Kindern, welche die Hauptlast von etwas
tragen, dessen Ursachen in der Kindheit der Mutter wurzelten.
Liebesgefühle werden auf den Fetus durch
die Biochemie und den Oxytozinspiegel der Schwangeren übertragen
und später dann durch Körperkontakt, der wiederum den
Oxytozinspiegel erhöht. Wenn wir von früh an nicht geliebt,
angeschaut, berührt, angehört, liebkost und bewundert wurden,
folgen uns diese biologischen Veränderungen – obgleich sie
subtil sein können – durch unser ganzes Leben. Doch eine
Mutter, die gut auf sich selbst aufpasst, nicht deprimiert oder ängstlich
ist, keine Drogen nimmt und sich angemessen ernährt, wird ein
liebesfähiges Kind erzeugen.
Wenn die Traumen der Geburt, Vorgeburt und
frühen Kindheit das System überschwemmen, kommt es schließlich
zur Überlastung und zum Zusammenbruch der neuroinhibitorischen
Verdrängungssysteme – Serotonin und ebenso Oxytozin. Es gibt
viele Chemikalien, die in den Spalten zwischen Nervenzellen,
Neuronen leben; einige weisen die Schmerzbotschaft zurück, andere
erleichtern die Übermittlung. Sie sind entweder
Informationsblockierer oder –verstärker. Die Vorräte der
Neuroinhibitoren werden mit der Zeit im Kampf aufgebraucht,
Schmerz zu unterdrücken. Diese Vorräte sind nicht unerschöpflich.
Es sind die allerfrühesten Schmerzen, welche die höchste Valenz
haben und das höchste Maß an Hemmung erfordern.Diese
Biochemikalien werden im Kampf gegen emotionale Deprivation
gebraucht. Das System wird letztlich weniger sexuell sein, da die
Hormone der Liebe für die Aufgabe zweckentfremdet werden, den
Schmerz zu unterdrücken.
Oxytozin ist entscheidend dafür, eine
starke emotionale Verbindung mit anderen herzustellen. Oxytozin
ist ein Schlüsselhormon der Liebe. Wenn der Oxytozinspiegel
niedrig ist, gibt es weniger emotionale Bindung, weniger Interesse
an sozialem Engagement, weniger Fürsorge und Bindung und weniger
Berührung....kurz gesagt weniger Liebe. „Weniger Liebe“ hat
eine physische Basis. Weniger Liebe in unserem Lebensanfang lässt
sich in einer Einprägung finden, die viele Systeme beeinflusst.
Diese Wirkungen sind messbar. In gewisser Hinsicht ist Liebe eine
messbare Einheit. Die Einprägung beeinflusst die Sexualität,
besonders wie Schlüsselgehirnstrukturen wie Amygdala und
Hippokampus Schmerz in Sexualverhalten übersetzen. Oxytozin wird
von der Hirnanhangdrüse abgesondert, direkt unterhalb des
Hypothalamus. Und es reflektiert, wie viel Liebe wir gehabt haben
und wie viel Liebe wir zu geben haben. Und in der Tat, wenn wir
Liebe machen (Männer und Frauen), steigen die Spiegel radikal an.
Sex und Liebe begegnen sich hier oder sollten sich zumindest hier
begegnen.
(2)
Oxytozin findet man nur in Säugetieren.
Wenn die Werte hoch sind, erlebt man ein Gefühl von Entspannung,
Ruhe und Wachstum, Erholung und Heilung, liebevolles Verhalten und
emotionale Bindung. Liebe und Pflege zu Beginn unseres Lebens sind
für optimale Gesundheit notwendig, und ohne sie kann keine
gesunde Gehirnentwicklung stattfinden. Es ist nicht nur so, dass
niedrige Oxytozinspiegel ein Indikator für frühe Vernachlässigung
und fehlenden Körperkontakt sind, sondern sie weisen auch auf
eine Dysfunktion des Gesamtsystems hin und dienen als Prophet
unserer späteren psychischen und körperlichen Gesundheit. Die
Gegenwart von Oxytozin sagt: „Ich wurde geliebt und konnte mich
normal entwickeln“; sein Fehlen sagt: „Ich wurde nicht geliebt
und mein System ist ‚verdreht’. Genau das meine ich mit
„Zeichen.“
Auf
dieselbe Weise, wie wir vielleicht bei männlichen Individuen den
Sexualtrieb mit Testosteron-Injektionen steigern, kann es durchaus
sein, dass wir Leuten „Liebe injizieren“ können oder
zumindest ein Hormon, das dazu ermuntert- den Leuten sozusagen
eine Liebesspritze verpassen können. Diese Spritze kann uns
helfen, mit anderen anzubandeln und uns mit Partnern zu binden,
sie ermöglicht uns, dass wir anderen nahe sind, ihre Gefühle und
ihren Schmerz mitempfinden. Bindung ist ein starkes emotionales
Band, das uns dabei hilft, mit anderen sein zu wollen,
untereinander zu helfen und zu beschützen, einander zu berühren
und sexuelle Beziehungen einzugehen. Hohe Oxytozinspiegel steigern
und stärken Bindungsverhalten. Weil frühes Trauma und früher
Liebesmangel den Ausstoß dieses Hormons beeinflussen, wird die spätere
Fähigkeit, Beziehungen einzugehen und guten Sex zu haben, schon
vor der Geburt und unmittelbar danach bestimmt.
Jemand
kann schwören, voller Liebe zu sein, und dann doch herausfinden,
dass er oder sie sehr niedrig dosiert ist mit dem essentiellen
Liebeshormon – Oxytozin. Es ist tatsächlich eine gute
Nachricht, dass „zu wenig Liebe“ eine physikalische Grundlage
hat, denn wir können vielleicht chemisch etwas tun, um diesen
Zustand zu ändern, und wir können bestimmt auch psychologisch
etwas tun, um ihn zu ändern. Irgendwann in der Zukunft sind wir
vielleicht in der Lage, durch die Messung verschiedener Hormone zu
bestimmen, was richtige Liebe eines Elternteils zu einem Kind ist.
Man
hat nachgewiesen, dass frühe Elternliebe ein dauerhafter Schmerztöter
ist. Ratten, die sich Schmerztöter selbst verabreichen konnten,
indem sie einen Hebel drückten, taten das nicht, wenn man ihnen
Oxytozin gab. Oxytozin (OT) verhindert die Entwicklung einer
Drogentoleranz z.B. bei Morphium und mindert auch die
schmerzvollen Entzugssymptome, die auftreten, wenn diese Drogen
abgesetzt werden. Der Grad der Abhängigkeit lässt sich anhand
der Schwere der Entzugssysmptome messen, doch Oxytozin mindert die
Schwere dieser Symptome. Liebe macht dasselbe, aber frühe Liebe
kalibriert das System fürs Leben. Eine gegenwärtige
Liebesspritze, wie z.B. jemand, der oder die uns umarmt und küsst,
kann den Spiegel zeitweise ändern. Wenn wir den Bauch eines
Tieres reiben, steigt der Oxytozinspiegel sofort an, aber wenn die
anfängliche kritische Periode in der Systementwicklung vorüber
ist, wird jede Veränderung, die wir bewirken können, vorübergehend
sein. Wenn wir einmal im Erwachsenenalter angekommen sind, sind
die Oxytozinwerte ziemlich festgelegt. Man kann eine Spritze davon
bekommen, aber es hat keine Dauerwirkung, denn wenn einmal ein
niedriger Oxytozinspiegel oder ein hoher Stresshormonspiegel früh
im Leben registriert sind, dann ist es schwer, wieder normale
Sollwerte einzurichten. Nachdem die kritische Periode, um Liebe zu
erhalten, vorbei ist, besteht die einzige Möglichkeit das System
zu normalisieren darin, die frühen Ereignisse, welche die
Sollwerte verrückt haben, neurochemisch wiederzuerleben. Wir müssen
uns wieder „ungeliebt“ fühlen mit der ganzen Agonie, die
dazugehört, wenn wir je eine Chance auf Normalisierung haben
wollen; und diese Agonie hat zahlreiche biochemische Komponenten,
die messbar sind. Erinnern Sie sich an die Wirkung der Resonanz.
Schmerz in der Gegenwart zu fühlen kann verwandten Schmerz auslösen,
der den ganzen Weg bis in den Mutterleib zurückreicht. Dieser frühe
Schmerz kann sich dem gegenwärtigen Gefühl anschließen und ins
System aufgenommen werden, was letztlich zur Verknüpfung und Auflösung
führt. Dadurch werden die Schleusen der Verdrängung angehoben
und den Gefühlen wird ermöglicht, durch das ganze System zu fließen.
Ein
anderes Schlüssel-Neurohormon, Dopamin, hilft, ein optimales
Niveau an Gehirnstimulierung aufrecht zu erhalten. Wie bei
Oxytozin kann frühe Erfahrung die Sollwerte dieses Hormons ändern.
Zum Beispiel kann eine schwangere Frau, die Beruhigungsmittel
nimmt, den Dopaminausstoß in ihrem Fetus blockieren. Später im
Leben kommt das Bedürfnis nach einem Stimulans wie Kokain auf,
wenn die Dopaminvorräte chronisch erschöpft sind; Kokain
erhöht künstlich das Dopamin in den Synapsen zwischen
Gehirnnervenzellen. Man kann süchtig nach Kokain sein, um sich
aggressiver und kontaktfreudiger zu fühlen, um mehr Freude und
Spaß im Leben zu erfahren; vorübergehend kann es größeres
Selbstvertrauen erzeugen und eine Fähigkeit, andere zu
konfrontieren.
Dopamin
tötet auch Schmerz in dem Sinne, dass es ein Wohlfühl-Hormon
ist. Das alles wäre geschehen, wenn man eine gesunde
Schwangerschaft und eine warmherzige, liebevolle frühe Kindheit
gehabt hätte – dann wäre es undenkbar, dass jemand nach Kokain
süchtig würde. Kokain kann den Liebesmangel zeitweise
ausgleichen, aber das kann nicht von Dauer sein. Kokain wirkt nur
dann, wenn frühe Liebe fehlt; es nimmt einen Teil der Furcht aus
dem System und schafft eine „Ich-kann–es“-Einstellung. Nun,
aber genau das hätte Mutters Liebe getan! Warum entwickelt man
dann eine Sucht? Weil man immer wieder zu der Droge zurückkehren
muss, um das gute Gefühl zu produzieren. Wir sind abhängig vom
Bedürfnis und dann abhängig von Drogen, die dieses Bedürfnis
symbolisch erfüllen. Wir haben das ursprünglich unerfüllte Bedürfnis
in ein „Bedürfnis nach“ umgewandelt. Und wenn wir Erfüllung
im symbolischen Bedürfnis suchen (Sex oder Drogen oder Spielen),
raten Sie, was passiert – der Dopaminspiegel steigt.
Es
gibt viele verschiedene Hormone, die bei Liebe und Sex mitspielen;
ich wähle diese zur Erörterung aus und um zu zeigen, wie frühe
Erfahrung das Verhalten des Erwachsenen beeinflusst. Vor vielen
Jahren untersuchten wir Testosteron in unseren männlichen
Patienten. Wir klassifizierten auch diejenigen mit niedrigen
Testosteronwerten als Parasympathen – Leute, die vom passiven,
nachdenklichen, heilenden Nervensystem dominiert werden. Jene mit
hohen Testosteronwerten neigten dazu, Sympathen zu sein, was
bedeutet, dass sie aggressiver, zielstrebiger, optimistischer und
ehrgeiziger waren (nach vorne schauend, eine Analogie zum
Geburtsprozess). Nach einem Jahr Primärtherapie zeigten
diejenigen mit niedrigen Testosteronwerten eine Tendenz nach oben,
während jene mit sehr hohen Werten tendenziell etwas
herunterkamen; kurz gesagt normalisierten sich ihre Systeme.
Wenn
es um Liebe geht, ist Oxytozin jedoch bei weitem das wichtigste
Hormon. Die Frage, der wir uns jetzt stellen, ist, was zuerst kam:
niedrigere Oxytozinwerte und dann die Unfähigkeit zu lieben und
sich zu binden, oder das Fehlen früher Liebe, das die Sollwerte
des Oxytozins senkte? Ich würde Letzteres wählen. Weil Hormone
so sensibel auf frühes Trauma reagieren, müssen wir darauf
achten, dass wir hohe oder niedrige Spiegel nicht genetischen
Faktoren anlasten.Wir dürfen die entscheidenden neun Monate des
Lebens im Mutterleib nie vergessen.
(3)Bindung
ist der positivste Aspekt menschlicher Beziehungen.Wie man sich im
Erwachsenenalter emotional bindet, lernen wir durch frühe Bindung
in der Kindheit, so simpel das auch klingt. Man kann es nicht
lehren! Und bestimmt kann man es nicht im späteren Leben lehren.
Bindung wird so ziemlich in unserer Kindheit verankert. Es ist
nichts zum Lernen; es ist etwas, das wir fühlen. Es ist auch
etwas Biochemisches. Wer von ganz früh an mit seinen Eltern keine
Bindung eingehen konnte, kann durchaus ein Leben lang zu
zerbrochenen, fragilen, heiklen Beziehungen verdammt sein. Das
kann zum großen Teil auf Defizite in der hormonellen Ausstattung
wie z.B. Oxytozin zurückzuführen sein. Der Oxytozinforscher und
Wissenschaftler des National Institute of Mental Health, Thomas
Insel, hat geäußert, dass „viele der Gefühlsbindungen zur
Mutter, die man postnatal (nach der Geburt) beobachtet, durch pränatale
Erfahrung festgelegt werden könnten.“ Das Leben im Mutterleib
kann das Leben außerhalb des Mutterleibs für die kommenden
Jahrzehnte bestimmen. Es ist ein Kontinuum, keine zwei separaten
beziehungslosen Ereignisse.Wenn das frühe Verhältnis zu den
Eltern distanziert, entfremdet und eisig war, kann das ein Vorbote
der Liebesbeziehungen sein, die wir später im Leben haben oder
nicht haben. Je früher die Entfremdung von den Eltern, umso mehr
Kummer kann es später in Beziehungen geben. Ich habe es bei
Hunderten meiner Patienten gesehen. Es kommt einem biologischen
Gesetz nahe – wenn die Erhebung unter meinen Patienten als Index
gelten kann.
Bei
bestimmten Gebirgsnagetieren wie der Rocky Mountain-Wühlmaus,
eine Spezies, die ein isoliertes Leben führt (im Unterschied zur
Prärie-Wühlmaus, die sozialer ist), erwies sich eine
Oxytozinspritze als förderlich für Bindung und Paarung unter den
Nagern. Nach wiederholten Injektionen stellte sich eine lange
andauernde Anti-Stress-Wirkung ein, die das Gesamtverhalten
beruhigte und eine starke Tendenz zur Bindung entstehen ließ. Das
weist wieder darauf hin, dass frühe Liebe zu Ruhe und
Gelassenheit beiträgt. Diejenigen Menschen, die fähig sind, sich
mit anderen zu binden, haben hohe Oxytozinwerte. Liebe scheint der
ultimative Schmerztöter zu sein und nach dazu von Dauer. Sie
bereitet uns auf die Herausforderungen des Lebens vor und ist das
ultimative Überlebenswerkzeug.
Alle
unsere Hormone reagieren empfindlich auf die Umwelt; wenn sie
feindlich ist und gefährlich, „zieht sich das System zurück“,
und das schließt auch den Oxytozinspiegel mit ein. Eine gebärende
Mutter, die unter Stress und großem Schmerz steht, wird weniger
Oxytozin haben (ein Grund, warum es bei Injektion die Kindgeburt
unterstützt). Wir müssen annehmen, dass eine Mutter, die in der
Schwangerschaft chronisch gestresst ist weniger Oxytozin beim
Nachwuchs bewirkt. Es scheint in einer Art Schaukelbewegung zu
funktionieren – mehr Adrenalin (Stress: die
Kampf-oder-Flucht-Reaktion auslösend), weniger Oxytozin.
Das
bedeutet, dass wir in der Kindheit, wenn uns von unseren Eltern
Liebe angeboten wird und später, wenn sie uns von Liebhabern
angeboten wird, sie nicht fühlen können. Die Verdrängung hat
unsere Fähigkeit blockiert, Input zu empfangen, auch wenn dieser
Input Liebe ist. Die Verdrängung ist kurz gesagt der späteren
Liebe eines Elternteils zuvorgekommen und hat ihren Input
blockiert. Verdrängung kann sich folglich vor der Geburt
etablieren, wenn eine chronisch ängstliche Mutter dem Baby ihre
Furcht eingeflößt und den Oxytozinspiegel beeinträchtigt hat.
Und dann wundern wir uns, warum unser Baby so zappelig ist und
sich nicht herzen lässt.
Es
gibt genug Beweise, die zeigen, dass Herzschlag, Körpertemperatur
und Atmungsfrequenz eines Neugeborenen von der Mutter gesteuert
werden; wenn sie liebevoll und pfleglich mit dem Baby umgeht, das
sie austrägt, stellt sich ein positiver Effekt auf das Baby ein,
und die Sollwerte für Herzschlag und Blutdruck werden normal.
Jede Vernachlässigung, die sie zufügt, verändert die Biochemie
des Babys, und das vielleicht für immer. Ihre Angst und
Depression während der Schwangerschaft können die Sexhormonwerte
des Fetus sehr wohl verändern. Wir wissen zum Beispiel, dass
Angst bei der Mutter den Sexhormonspiegel des Fetus verändert und
männliche Kleinkinder verweiblichen kann. Was wir also sehen,
ist, dass ein männliches Individuum verletzlich ist, wenn es erst
feminisiert worden ist, verletzlicher für Liebesmangel während
der Säuglingszeit und Kindheit. Vielleicht wird er homosexuell
als Ergebnis eines kalten distanzierten Vaters, während
derjenige, der nicht verletzlich ist, heterosexuell bleibt. Wir müssen
verstehen, dass ein bestimmtes Maß an Verletzlichkeit, Stress,
Trauma oder Schmerz eine Überlastung hervorrufen und sie in ein
Symptom kanalisieren kann. In diesem Sinn könnte man Homosexualität
als Symptom betrachten, in dem Sinn, dass es eine latente Tendenz
gibt, eine Verweiblichung, die nur aufgrund eines Traumas zu
offenem homosexuellen Verhalten wird, das heißt, durch das Fehlen
väterlicher Liebe. Wenn die Vaterliebe da ist, kann es bei einer
latenten Tendenz bleiben.
Die
weibliche Präriemaus zeigte zunehmend männliches Verhalten wie
z.B. Besteigen, wenn sie gleich nach der Geburt mit
Steroiden/Stresshormonen behandelt wurde. Den meisten von uns muss
man keine Stresshormone injizieren; Stress im Mutterleib und
gleich nach der Geburt leistet dasselbe und kann tatsächlich
weibliche Individuen vermännlichen. Es scheint, was immer im
Mutterleib geschieht, hat lebenslange Konsequenzen; während
Ereignisse nach der Geburt Kompensationsmechanismen hervorzurufen
scheinen, die ihre Auswirkungen zunichte machen. So haben
Drogen/Medikamente, die man einer schwangeren Mutter gibt,
Dauerwirkung auf den Nachwuchs, während Drogen/Medikamente, die
man einem Kleinkind gibt, die Sollwerte vielleicht nicht neu
einstellen. Je früher dies geschieht, umso dauerhafter die Prägung
und ihre physiologischen Effekte.
Obwohl wir
vielleicht denken, eine Injektion sei etwas Besonderes, findet
derselbe chemische Prozess auf natürliche Weise statt. Wir können
Oxytozin injizieren oder wir können das Tier massieren und auf
diese Weise die Oxytozinwerte erhöhen. Wir können einer
schwangeren Frau Stress bereiten oder sie mit Steroiden injizieren
– der psychologische Effekt ist genau derselbe wie von einer
Nadel. Eine Mutter kann freundlich und liebevoll sein und den
Serotoninspiegel in ihrem Nachwuchs anheben, so dass er besser mit
Widrigkeiten umgehen kann, oder ein Arzt kann dem Nachwuchs
Serotonin injizieren und eine zeitweilige beruhigende Wirkung
erzeugen, die sich nicht von der unterscheidet, die durch einen
lievevollen Blick von der Mutter geschaffen wird. Eine Mutter kann
durch ihre Milch, die große Mengen des Hormons enthält, Oxytozin
in ihr Baby „injizieren.“ Liebe oder was so aussieht kann man
injizieren. Wenn sie natürlich und zur richtigen Zeit
„injiziert“ wird, wird sie einen lievevollen Menschen
produzieren.
Ein
Therapeut kann uns fragen „Wurdest du geliebt?“ und wir mögen
steif und fest behaupten „Ja, wirklich!“, und dennoch werden
wir von unserem Oxytozinspiegel verraten, der viel zu niedrig ist,
und von unserem Stresshormonspiegel, der viel zu hoch ist und auch
von unseren anderen Hormonwerten, die vielleicht ziemlich
abgewichen sind. Die reden auch. Der Körper und seine Physiologie
lügen nicht. In der Tat sind wir vielleicht nach der Geburt
geliebt worden, haben aber im Mutterleib schwere Traumen erlitten,
die uns völlig unbewusst bleiben.
(4)Ein
anderes Hormon,Vasopressin, trägt zur männlichen Pflege des
Nachwuchses bei – es sorgt für fürsorgliche Väter. Es hat
auch schmerztötende Effekte und trägt dazu bei, dass Tiere sich
mehr herauswagen und erkundungsfreudiger sind. Wenn Vasopressin
blockiert wird, gibt es sofort weniger väterliches Verhalten.
Wenn es direkt in einen Gehirn-Abschnitt männlicher Wühlmäuse
injiziert wurde, steigerte Vasopressin deren väterliches
Verhalten. Ohne das Hormon konnten sie keine liebevollen Väter
sein. Vasopressin ist ein Gegengewicht zu Oxytozin, indem es mehr
Aggression und Territorialität bei Tieren erzeugt.
Wissenschaftler
nahmen vor kurzem Mäuse, die Einzelgänger waren, und injizierten
ihnen ein Vasopressin-Gen. Dieses wurde der Prärie-Wühlmaus
entnommen, die als gesellig und partnertreu bekannt ist. Ergebnis:
Sie wurden sozialer, kümmerten sich mehr um ihre weiblichen
Partner und verbrachten mehr Zeit mit ihnen. Sie waren grundsätzlich
nett zu ihnen.
Sowohl
Vasopressin als auch Oxytozin spielen eine Rolle bei der
Gehirnreifung. Wenn in der Gehirnentwicklung ein frühes Trauma
eintritt wie z.B. im Mutterleib, wird die Gehirnreifung behindert.
Daher kommt das alte Sprichwort „Wir haben nicht alle Tassen im
Schrank“. Ein Gehirn, das eine solche Schwächung erleidet, ist
ein anderes Gehirn, zum Teil dank dieser zwei Neurohormone. Wenn
Synapsen organisiert und neuronale Netzwerke eingerichtet werden,
ist es entscheidend, dass ein angemessenes Gleichgewicht zwischen
diesen Neurohormonen herrscht, um eine gesunden Prozess der
Gehirnentwicklung zu fördern.
Vasopressin
und Oxytozin, die in ihrer Molekularstruktur ähnlich sind, kann
man Millionen von Jahren durch die Evolution zurückverfolgen. Wir
sehen daraus, dass Liebe und Bindung für Säugetier-Organsimen
immer wichtig waren und eng mit Sex und Reproduktion verbunden
waren. Sexuelle Aktivität erhöht die Oxytozinmengen. Bei
sexueller Erregung erreicht Vassopressin Spitzenwerte, während
Oxytozin bei der Ejakulation den Höchstwert erreicht.
Vasopressinzellen sind in der Amygdala konzentriert, in den Gefühlszentren
des Gehirns. Es ist Liebe, die uns zu Reproduktion und Sex
motiviert. Wenn es wenig Oxytozin gibt, gibt es wenig Bindung.
Wenn es keine Bindung gibt, gibt es keine Liebe. Wenn es keine
Liebe gibt, steht das Überleben auf dem Spiel. Folglich ist Liebe
ein zentraler Überlebensmechanismus und spielt deshalb eine so
wichtige Rolle im menschlichen Sozialleben. Sie ist der erste
Schritt zum Überleben der Spezies.
Männliche
Ratten, die während der ersten Lebenswochen mit Vasopressin
behandelt wurden, waren später gegenüber Fremden aggressiver.
Vasopressin, das freigesetzt wird, wenn das System unter Stress
steht, kann mit Oxytozin bekämpft werden. Das scheint vielleicht
sonderbar, wenn sie sich molekular so ähnlich sind und dieselben
Rezeptoren benutzen können. Vasopressin spielt eine Rolle, den
Vorzug bei der Partnerwahl zu bestimmen und fördert bei einigen männlichen
Tieren die Auswahl spezifischer weiblicher Partner. Es ist ein
wesentliches Element der Paarbindung bei Tieren. Es ist auch mit
Testosteron verknüpft, das den Vasopressinspiegel erhöht.
Wenn
wir „lieben,“ gibt es eine chemische Komponente. Es ist meine
Hypothese, dass der Oxytozinspiegel umso höher ist, je intensiver
das Liebesgefühl ist. Und umgekehrt mag es auch stimmen – je höher
der Oxytozinspiegel ist, umso mehr Liebe kann man geben. Um es
klar auszudrücken, Liebe verändert das Gesamtkörpersystem und lässt
sich in allen möglichen Systemen messen. Das ist nur eine andere
Art zu behaupten, dass die Liebe, die wir früh im Leben erhalten,
unsere Fähigkeit fördert, zu lieben und später gesunden Sex zu
haben. In all dem steckt jedoch eine verborgene Konsequenz: Obwohl
wir schwören können, dass wir jemanden lieben, können uns
unsere Biochemikalien verraten. So folgt hier die zweite Lektion:
Stress, Schmerz und Angst sind alle Feinde der Liebe; sie erschöpfen
unsere chemischen Vorräte, die wesentlichen Elemente der Liebe.
Wie
ich bemerkt habe, hat die Forschung gezeigt, dass, wenn der Bauch
von Tieren gestreichelt wird, nicht nur mehr Oxytozin ins System
sekretiert wird sondern auch der Blutdruck sinkt. Am wichtigsten
ist, dass es zu einem Wechsel von sympathischer zu
parasympathischer Dominanz kommt, wenn das Entspannungs-, Rast-
und Reparatursystem übernimmt, um Überleben und gute Gesundheit
zu fördern. Liebe beruhigt und normalisiert. Während Oxytozin zu
niedrigerem Blutdruck beiträgt, wird er durch Schmerz erhöht.
Das bedeutet, dass fehlende Liebe den Blutdruck erhöht, was wir
bei unseren Patienten sehen; nach einem Jahr Wiedererleben von
Schmerz fällt der Blutdruck innerhalb der Gruppe im Schnitt um 24
Punkte. Oxytozin hemmt bei Tieren die Sekretion von
Stresshormonen, die als Glukokortikoide bekannt sind. Wenn sich
das System im Alarmzustand befindet, sinken die Oxytozinwerte und
das Angstsystem erhöht sich. Oxytozinfreisetzung ist ein
wichtiger Aspekt der Serotonin-Sekretion. Sie arbeiten harmonisch
zusammen, um uns bei der Schmerzverdrängung zu helfen.
Muttermilch
beinhaltet große Mengen an Oxytozin. Das ist ein Grund, warum
Brustmilch so wichtig für die Kindernährung ist. Es wird direkt
ins Säuglingsgehirn geleitet und sorgt für Ruhe und Entspannung.
Die Forschung zeigt, dass Mütter, die stillen, ruhiger und
kontaktfreudiger sind, mit Stress und Monotonie besser umgehen und
mehr Haut-an-Haut-Erfahrungen mit ihrem Baby haben. Man hat
herausgefunden, dass, wenn ein Neugeborenes kein Geburtstrauma
erfahren hat und gleich nach der Geburt an der Mutterbrust saugen
kann, die sanfte Massage durch Mund und Hand des Säuglings den
Oxytozinspiegel der Mutter erhöht. Dadurch verstärkt sich die
Mutter-Kind-Bindung und es entsteht eine noch engere Nähe. So
haben wir einen Anstieg der Milchproduktion und stärkere
Muttergefühle, alles wunderbar fürs Baby. („Alternatives.“
Sept. 2001. The Numbing Down of America. Seite 21)
Wenn
wir bei einem Jungtier die Oxytozinproduktion verhindern, gibt es
keine Präferenz und Nähe zur Mutter. Es findet keine Bindung
statt. Wenn es keine Nähe gibt, leidet das Baby vielleicht ein
Leben lang. Bindung ist ein Grundbedürfnis. Es ist eine Straße
mit Gegenspur: Vermindertes Oxytozin im Baby verhindert, dass es
sich den Eltern nahe fühlt. Es wird zu einem Baby, das es nicht
mag, wenn es geherzt wird, das sich windet, wenn man es hält.
Wenn die Mutter gebiert, steigen ihre Oxytozinwerte
dramatisch an und bieten ihr dadurch die Mittel, ihr Baby tief zu
lieben. Ein Teil davon überträgt sich aufs Baby. Diese Biochemie
sagt uns, dass Liebe essentiell ist. Im Mutterleib ist sie bereits
durch die Tatsache der Liebe für ihr Baby übertragen worden.
Diese Liebe, auch wenn das Baby noch nicht geboren worden ist, hat
chemische Wurzeln. Ja, das Baby kann sich im Mutterleib geliebt fühlen.
Nicht im Sinne von Begreifen sondern im Sinne der Biologie.
Deshalb kann die Biologie Bände sprechen, sogar unseren
Gedankenprozessen widersprechen, die viel später in der
menschlichen Evolution auftauchten.
In
einem Experiment wurden Mütter ermutigt, ihre Babys gleich nach
der Geburt an die Brust zu legen. Je früher der Kontakt erfolgte,
umso körperlicher war die Mutter später mit dem Neugeborenen.
Bei früher Bindung sehen wir mehr liebevollen Kontakt.
Milchbildung und Stillen sind ein Ausdruck der Liebe zum Baby. Die
beste Präventivmedizin – seelisch und körperlich – ist Liebe
und ihre Hormone.
Oxytozin
ist für die meisten Ejakulationen verantwortlich, einschließlich
der „Ejakulation“ der Muttermilch zum Baby und sexueller
Ejakulation bei Männchen. Eine Mutter, die als Kind geliebt
wurde, hat mehr Milch und ist geeignet, ihr Baby zu stillen; und
der Mann, der von Beginn an geliebt wurde, hat als Erwachsener
aktiveres Sperma. Wenn man früh im Leben nicht geliebt wurde,
kann das durchaus die Spermienproduktion einschränken.
Wie
ich angedeutet habe, erleichtern Oxytozin-Injektionen bei Tieren
das Einsetzen mütterlicher Gefühle. Natürlich würde frühe
Elternliebe diese Notwendigkeit eliminieren. Wenn man einem
weiblichen Schaf dieses Hormon gibt, nimmt sie andere Kinder als
Mutter an, wogegen sie ohne dieses Hormon dazu neigt, die Jungen
von Fremdtieren zurückzuweisen. Wenn Tiere saugen, haben sie höhere
Oxytozinwerte. Bei Rhesusaffen, die Oxytozin erhielten, gab es
mehr Berührung, Lippenschmatzen und die Mütter passten besser
auf ihre Jungen auf. Primatenverhalten ist eine Parallele zu
menschlichem Verhalten und zum menschlichen Gehirn; es ist deshalb
ziemlich wichtig für das Verständnis menschlichen Verhaltens.
Wie
wir uns fühlen, unsere Einstellung zu Liebe, Elternschaft und
Bindung kann durchaus durch unseren Hormonstatus diktiert werden
und der wiederum kann bestimmt werden durch die Sollwerte unserer
Hormone aus Erfahrungen, die bis in den Mutterleib zurückreichen.
Diese Sollwerte werden durch das Maß an Liebe oder ihr Fehlen früh
im Leben festgelegt. Frühe Liebe verleiht uns die Kapazität für
spätere Liebe. Das bedeutet Eltern, die ihr Kind liebevoll
ansehen, die auf seine Stimmungen eingehen, sanft berühren und
streicheln und ohne Ablenkung zuhören. Vielleicht können wir
unsere Einstellung zur Liebe durch Ermahnung von anderen ändern,
aber wir werden unseren Hormonstatus nicht dauerhaft ändern.
(5)Es
ist mein Therapieziel, Patienten zu helfen, dass sie lieben können
und die Fähigkeit haben, Liebe zu empfangen; alles andere ist
zweitrangig. Liebe macht uns stark für unsere Nachkommenschaft.
Wir brauchen Sex, um Liebe zu verstärken, Nachkommen zu haben und
umgekehrt. Sie sind das natürliche Ergebnis der Liebe. Was wir zu
oft verwechseln, ist Liebe und Bedürfnis. Diejenigen, deren Bedürfnisse
am Lebensanfang nie erfüllt worden waren, werden weiterhin nach
Befriedigung suchen, und sie werden glauben, es sei Liebe, wenn es
allzu oft nur sexuell ist. Solange jemand bedürftig ist, wird er
oder sie dieses Bedürfnis mit Liebe verwechseln.
Wenn
man einmal ungeliebt ist, bleiben das Gefühl und die damit
verbundenen physiologischen Werte bestehen. So ergibt sich jetzt
ein Teufelskreis; sich ungeliebt zu fühlen veranlasst jemanden,
auf eine Weise zu handeln, die zu weiterer Entfremdung und
Nicht-Liebe führt: Gescheiterte Beziehungen, Ehen, usw., die
jemanden schließlich daran verzweifeln lassen, jemals geliebt zu
werden. Die Folgen können Depression und Selbstmordgedanken sein
Warum? Weil uns die Einprägung „ungeliebt“ fordernd, reizbar,
disstanziert, wütend, kalt und teilnahmslos machen kann. Man hat
lange geglaubt, dass das aggressive Alarmsystem – das
sympathische Nervensystem – der Überlebensmechanismus sei; die
Funktion dieses Systems sei, nach Gefahr Ausschau zu halten und
den Kampf-oder-Flucht-Impuls einzuleiten. Die Forschung zeigt
jetzt, dass das sympathische Nervensystem sich letztlich ganz
verschließen kann, wenn es zu lange Zeit im Alarmzustand ist. Es
gibt jedoch ein Stütz-System für Hyperwachsamkeit; es ist der
Hemmungsmechanismus, der dabei hilft, das Überleben zu sichern.
Überstimulierung ist für das System gefährlich.
Vielen
fällt es vielleicht schwer zu glauben, dass wir Liebe wirklich
injizieren können, wenn auch nur für kurze Zeit. Denken Sie
daran, dass Tiere die meisten Hormone mit uns Menschen gemeinsam
haben. Wir können jungfräuliche Weibchen nehmen, ihnen Oxytozin
spritzen und innerhalb dreißig Minuten werden sie mütterlich.
Ja, somit können wir Liebe injizieren, wenn wir sie vorsichtig
definieren. Wir können Leuten helfen, zeitweise etwas zu fühlen,
das sie normalerweise nicht fühlen könnten. Zumindest können
wir die Eigenschaften der Liebe injizieren und stärkere Bindung,
mehr Berührung und Fürsorge verursachen. Der entscheidende Punkt
hier ist, dass wir durch die Änderung von Hormonspiegeln das
Verhalten in Richtung Liebe verändern können. Und als Folgerung
können wir vielleicht, wenn wir eine Therapie machen können,
welche die Sollwerte dieser Liebeshormone ändert, die Fähigkeit
anbieten, dauerhaft zu fühlen und Liebe zu geben. Darin
inbegriffen ist das Verständnis, das Hormonfluktuationen das
Verhalten ändern. Der Umkehrfall ist nicht unbedingt wahr –
Psychotherapie beeinflusst das System durch Verhaltensänderung
nicht.
Tierstudien
sind extrem wichtig für unser Verständnis als Menschen. Das neue
Genom-Projekt hat herausgefunden, dass Menschen nicht so sehr viel
mehr Gene als Ratten haben. Es gibt sogar Ähnlichkeiten in der
genetischen Struktur zwischen uns und dem niederen Wurm. Was auf
Tiere zutrifft, hat also eine gute Chance, auch für Menschen zu
gelten.
Die
Biochemie-Forscherin Susan Carter hat darauf hingewiesen, dass
Oxytozin „von der Entwicklungsgeschichte eines Organismuses“
beeinflusst wird. Wenn es im Mutterleib hohe Steroidspiegel gibt
aufgrund des Stressniveaus der Schwangeren, kann die gesamte
Entwicklung des Fetus sich ändern, einschließlich der Absenkung
des fetalen Oxytozinspiegels. Jahre später hat eine Mutter
vielleicht keine Milch für ihr Neugeborenes, doch niemand kann
verstehen warum. Oxytozin beeinflusst die Menge der Muttermilch.
Die Mutter beharrt vielleicht darauf, gleich nach der Geburt
wieder zur Arbeit zu gehen und begründet das damit, dass ihre
Karriere sehr wichtig sei. Sie versteht vielleicht nicht, dass
ihre eigene Erfahrung frühen Liebesmangels ein Absinken in der
Produktion ihrer mütterlichen Liebshormone geschaffen hat, während
dieser Liebesmangel gleichzeitig ihren Stresshormonspiegel erhöht
hat, der sie jetzt ständig sehr aktiv sein lässt.
Das
alles drängt sie jetzt, zur Arbeit zurückzukehren; sie hat keine
Ahnung, was hinter diesem Drang steckt. Die fehlenden Chemikalien
für Liebe treiben sie dazu, ihr Baby zu verlassen. Ihre Prioritäten
sind nicht das Ergebnis ihrer Einstellung sondern vielmehr ihrer
Neurochemie, die sie motiviert. Sie ist weniger mütterlich und
kann die Bedürfnisse ihres Babys nicht fühlen, oder wie sehr es
sie braucht. Ihre Gesinnung, Interessen und Gedanken können
Rarionalisierungen sein für ihren physiologischen Hormonstatus.
Sie hat seit ihrer Kindheit die biochemische Ausstattung für Mütterlichkeit
nie gehabt. Ihre Mutter, die nicht mütterlich war, hat es durch
ihren eigenen Mangel an Körperkontakt mit ihrem Baby
bewerkstelligt, die mütterlichen Hormone in ihrer Tochter zu
verringern. Somit wird die Tochter es übel nehmen, selbst Mutter
zu sein, und ihre Kinder werden es zu spüren bekommen. Ihr
niedriger Oxytozinspiegel kann bereits den Fetus im Mutterleib
beeinflussen. Ich würde die Hypothese wagen, dass das Kind mit
Defiziten in der Liebesabteilung geboren wird. Ich habe
geschildert, wie ein Mutterleibstrauma zu verringerten
Serotoninwerten führt; ich spekuliere, dass dasselbe für
Oxytozin gelten kann. Man ist versucht, viele unserer Veränderungen
der Genetik zuzuschreiben, aber wir dürfen die neun Monate nicht
übersehen, die wir im Mutterleib verbringen, wo sich Gehirn und Körper
formen.
Es
gibt Psychopathen, die menschlich aussehen, die aber nie
irgendeine liebevolle Beziehung mit anderen zustande bringen. Sie
hinterlassen eine Spur menschlicher Trümmer in ihrem Kielwasser.
Sie beziehen sich nur auf das, was sie bekommen können. Sie
verstehen sich nur aufs Manipulieren. Ihr falscher Charme erlaubt
ihen manchmal damit durchzukommen. Doch sie waren in der Kindheit
Opfer ungenügender Menschlichkeit und Liebe seitens ihrer Eltern.
Gleich unterhalb ihres scheinbar menschlichen Charmes liegt eine
leere Hülle. Man kann nicht gut zu ihnen sein, weil sie es nicht
fühlen können. Sie wollen einfach mehr.
Liebe
bedeutet richtiges hormonelles Gleichgewicht und angemessene
Gehirnentwicklung. Sie bedeutet, dass alle Sexualhormone und
Anlagen gut funktionieren. Die Liebe einer Mutter für ein Kind
reguliert seine Gehirnentwicklung, seine Lern- und Gefühlsentwicklung.
Sie spiegelt sich in der Neurophysiologie des Nachwuchses wider.
Ein geliebtes Kind wird später die besten Chancen auf ein
normales Sexleben haben, und das bedeutet, die Spezies wird die
besten Chancen auf Fortbestand haben. Wir können Liebe messen,
wenn wir sie vorsichtig definieren. Es ist wichtig, Liebe zu
messen, weil so viele Sexualproblemevon ihrem Fehlen herrühren.
Wir müssen wissen, wie tief die emotionale Deprivation eines
Menschen geht, wie lang sie dauerte und welche Wirkung sie auf die
Neurophysiologie hatte.
In
der Primärtherapie ist die Tatsache, ein wenig Liebe in der
Gegenwart zu bekommen, auch wenn wir nur in einer Sitzung die Hand
eines Patienten halten, der unter schrecklichem Schmerz steht,
genug Motivation für Patienten, in eine Zeit zurückzureisen, als
sie ungeliebt waren. Sie öffnen sich für diesen Schmerz, was
bedeutet, dass sie sich überall öffnen. Um Liebe zu fühlen, müssen
wir zuerst fühlen, wie wir ungeliebt waren. Und Schmerz zu fühlen
bedeutet, unsere sexuelle Gesundheit zu befreien und uns selbst,
weil Sex sich ganz um Empfindungen und Gefühle dreht, und Verdrängung
steht dem im Weg.
Das
Ziel der Verdrängung ist, den Zugang zu diesen Empfindungen
einzuschränken. Wenn wir im Mutterleib oder während des
Geburtsprozesses ein Trauma erlitten haben, wird Verdrängung früh
einsetzen. Wir können den Schmerz dann nicht fühlen und wir können
auch sonst nichts voll fühlen – wir können nichts mehr
erleben. Das ist der Zweck der Verdrängung: Externe Stimulierung
davon abzuhalten, das innere Boot zu schaukeln. Verdrängung
stumpft nicht nur die Wirkung dessen ab, dass man in der Kindheit
nicht berührt oder dass man ignoriert wurde; sie ist global und
beeinflusst jeden Aspekt unseres Seins. Verdrängung ist nicht
selektiv und beschränkt sich nicht auf ein einziges Trauma. Sie
funktioniert auf globale Weise und beeinflusst uns systemweit
einschließlich unserer sexuellen Gesundheit.
Wenn
wir andere Primaten betrachten, können wir anfangen uns selbst zu
verstehen. Gefangene Primaten in einem Zoo sind weniger sexuell
und weniger geneigt sich fortzupflanzen als in ihrem natürlichen
Habitat. Ihre Physiologie und ihre Hormone wissen es besser, als
in eine solche Umwelt Nachkommen zu setzen, und so ändert sich
ihr Endokrinsystem. Es spricht in der Sprache des Überlebens. Das
System sagt: „Wir wollen unsere Babys nicht in Käfigen
aufziehen.“ Je mehr ihre Instinkte unterdrückt werden im
Interesse, sie zu „zähmen,“ umso weniger sexuell werden sie.
Je mehr Freiheit sie im Gegensatz dazu haben, umso sexueller sind
sie. Die Unterdrückung ihrer Freiheit hat die Überlebensmechanismen
der Spezies ‚verdreht.’
Übersetzung:
Ferdinand Wagner