Ich
habe an früherer Stelle über den Prototypen geschrieben. Das ist
jenes traumatische Ereignis, welches auf das fetale System
einwirkt und seinen Entwicklungsverlauf ändert. Es trägt
grundlegend dazu bei, wer wir später sein werden und verformt
unsere Persönlichkeit. Es bestimmt auch, wie wir auf das
Geburtstrauma reagieren (wenn es eins gab). Eine schwangere
Mutter, die eine halbe Schachtel am Tag raucht und dann bei der
Geburt unter Sauerstoffmangel leidet. Sauerstoffmangel würde das
pränatale Ersticken verstärken und die Persönlichkeitsentwicklung
verformen. Die Erinnerung wird dann eingeprägt, sodass sie jedes
zukünftige Verhalten im Stressfall bestimmt.
Es
ist das limbische System – insbesonders der Hippocampus –, der
mit etwas Unterstützung von der Amygdala und dem Striatum die
Geschichte durchsucht und automatisch den Prototypen findet, die
Einprägung, die ursprünglich den Überlebensmodus für den
Organismus festgelegt hat. Diese Überlebensreaktion setzt sich
fest und steuert uns ein Leben lang. Natürlich kann sie sich
durch spätere Ereignisse in der Kindheit verstärken.
Behalten
wir den Prototyp in Erinnerung, wenn wir versuchen, Sex zu
verstehen. Um es zu wiederholen: Hohe Erregung beim Sex kann vom
System als Gefahr aufgefasst werden, weil das ursprüngliche hohe
Erregungsniveau eine Gefahr war. Das System kann zwischen den
Beiden nicht unterscheiden, weil sie gleiche Kraft oder Valenz
haben. Auf diese Weise kann sexuelle Stimulierung das
Originaltrauma und unsere Reaktion darauf auslösen. Die
Hirnwellenmuster von Vergangenheit und Gegenwart werden
ununterscheidbar, so dass Sex und Trauma verschmelzen und
identisch miteinander ablaufen. Das ist der Überfall. Sie sind
alte Freunde. Der Sex klettert an Bord des Trauma-Vehikels und fährt
mit; aber er fährt dorthin, wo das Trauma ihn hinbringt und
nirgendwo anders. Das Trauma weist den Weg, weil es Überleben
einbezieht. Genau das ist es, was bei sexueller Aktivität wieder
aufwacht. Genau deshalb können wir das Sexualleben untersuchen
und auf die Art von Geburt und Vorgeburt zurückschauen, welche
die Person durchgemacht hat. Wenn es somit ein Übermaß an
Stimulierung gibt, kommt es zum sofortigen Stillstand oder
Verschließen; genau dieselbe Reaktion wie ursprünglich. Sex hört
abrupt auf, wenn ein gewisses Erregungsniveau erreicht wird.
Allgemein
gesagt, können wir uns die Geburt ansehen und die Art von
Sexualproblemen voraussagen, die in der Zukunft auftreten können.
Es gibt viele andere Faktoren, die bei dieser Gleichung eine Rolle
spielen, aber im Allgemeinen trifft es zu. Ich konzentriere mich
jetzt auf das, was aus der Gleichung weggelassen wurde. Umgekehrt
können wir sexuelles Verhalten betrachten und im Nachhinein
sagen, welche Art pränatalen und geburtlichen Lebens jemand
durchgemacht hat.
Weil
sich Schmerz mit der identischen eingeprägten Kraft in sexuelles
Verhalten einschleicht, scheint klar, dass es zu radikalen Veränderungen
im Sexualverhalten kommt, wenn der Schmerz einmal gefühlt wird.
Sex wird kein Kanal mehr sein für etwas anderes, sondern wird das
sein, was er ist. Schmerz wird vom limbischen System nicht mehr in
sexuelle Rituale umgeleitet, weil Schmerz kein Faktor mehr sein
wird.
Während
des Wiedererlebens beteiligt sich das gesamte physiologische
System an der Auseinandersetzung. Es muss so sein; andernfalls ist
es keine gültige, vollständige Erinnerung, und es ist nicht
heilsam. Derselbe Blutdruck, dieselbe Herzfrequenz und dieselben
vaskulären Prozesse treten auf. Auf diese Weise können wir das
Trauma und seine Kraft messen. Wir können die Wirkungen abschätzen,
die bestimmte Ereignisse auf Sex haben und ebenso auf anderes
Verhalten. Normalerweise ist die Reise zu unseren Tiefen kein
schwieriges Unterfangen, wenn wir in Betracht ziehen, dass gegenwärtige
Gefühle eine Ausarbeitung früher Empfindungen sind.
Wenn
wir dafür sorgen, dass das Gehirn seiner eigenen Evolution folgen
kann, und bei der Therapie nicht zu viel reden oder zu viel
Kontrolle ausüben, ist die Therapie in der Regel erfolgreich.
Wenn wir auf intellektuelle Kontrolle und Diskussion auf der
dritten Ebene verzichten, werden wir sehen, dass der Patient auf
geordnete Weise in die Zeit zurückreist. Das wird geschehen, wenn
wir keine Vorurteile oder anti-evolutionären Theorien darüber
haben, was der Patient tun soll. Wir müssen dem Prozess trauen
und vor allem müssen wir den Gefühlen trauen. Die Gefühle
liegen in einer anderen Welt als der Diskurs in der
konventionellen Therapie. Folge dem Gehirn. Folge der Evolution,
weil die Evolution uns folgt. Das ist der Schlüssel zur
erfolgreichen Therapie von Sexproblemen.
Ein
Wort zum Schluss: Ja, es hilft tatsächlich, sich direkt mit
Sexproblemen zu befassen, so wie man jemandem Spritzen oder Pillen
geben würde, der unter Migräne leidet. Linderungsmittel sind
manchmal sehr notwendig. Niemand sollte leiden, bis endgültige
Heilung erreicht wird.
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Übersetzung:
Ferdinand Wagner