Im
folgenden Brief an meine Blogseite ging es anscheinend um Depression, aber
ich fand darin etwas, das für mich verblüffend ist. Es klingt auch verrückt,
ist es aber nicht. Sie ist um einen Zoll größer geworden mit
dreiundzwanzig Jahren. Und sie hat keine große Sache daraus gemacht.
„Ich bin gewachsen“, und dann wechselte sie zu anderen Dingen.
Wachstum geschieht ziemlich oft, und die Patienten scheinen ihm immer mit
dieser „belle indifference“ zu begegnen. Als werde sie erwartet und
sei keine Überraschung. Ich glaube, bei der ganzen anderen emotionalen
Besserung ist das vielleicht keine große Sache, aber für mich ist es
das, weil es bedeutet, wenn du Verdrängung ungeschehen machst, dann
machst du nicht nur ein „psychisches“ Phänomen ungeschehen sondern
ebenso ein ganz und gar physiologisches. Und es bedeutet auch, dass die
Patientin sehr tief gegangen ist und einige Hormone normalisiert hat,
einschließlich derer, die das Wachstum kontrollieren. Wie sonst könnte
man das erklären. Die Fußgröße meiner Frau nahm um eine Nummer zu, und
sie konnte es jahrelang nicht verstehen, bis wir allmählich viele andere
Berichte über Wachstum erhielten. Und ich habe festgestellt, dass
manchmal nach dem vierzigsten Lebensjahr Weisheitszähne wachsen. Ich habe
darüber nie viel doziert, um Patienten und andere nicht zu beeinflussen,
aber mir scheint das eine gewaltige Sache zu sein, nicht wegen des
Wachstums, sondern weil es bedeutet, dass im Gesamtystem so viel befreit
worden ist. Ja, und somit würde ich erwarten, dass die Depression sich
abschwächt oder beseitigt wird. Es ist alles aus einem Stück. Das System
ist eine einzige integrierte Angelegenheit, so dass Änderung auf dem
einen Gebiet ebenso Änderung auf vielen anderen bedeutet. Ja, es ist großartig,
dass die Depression geheilt wurde, aber der „Beweis“ dafür findet
sich im Knochenwachstum, und....und...in der Veränderung der
Gehirnwellen, Vitalfunktionen, etc.
Wenn
ich darauf zurückblicke, wie ich zu Beginn der Therapie war, kann ich
sehen, wie viele Dinge sich verändert haben. Zunächst einmal bin ich um
mehr als einen Zoll gewachsen seit meinem dreiundzwanzigsten Geburtstag.
Ich bin im Allgemeinen viel entspannter, kann ausgehen und mein Leben ohne
zu viel Angst leben. Ich bin nicht annähernd so scheu wie früher und ich
lasse nicht zu, dass mich jemand herumschubst oder ausnutzt. Ich bin
spontaner, folge meinen Impulsen, wann immer ich das Gefühl habe, dass es
sicher und angemessen ist. Ich erlebe Perioden voller Optimismus und
Begeisterung fürs Leben, in denen es scheint, dass mir eine zweite
Kindheit geschenkt worden ist. In diesen Zeiten fühlt sich das Leben für
mich einfach gut an, sei es, dass ich Sport treibe, Musik höre oder
selbst spiele, mir einen Film
anschaue, mit Freunden rede oder einfach ruhig dasitze und nichts mache.
Ich habe mehr Freunde, und ich kann ich selbst sein in ihrer Gegenwart,
anstatt zu versuchen, sie zu beeindrucken oder sie dazu zu bewegen, dass
sie mich mögen. Ich habe in Stress-Situationen weniger Angst, und ich
treffe bessere Entscheidungen bei der Lösung von Problemen. Mein Gedächtnis
hat sich verbessert; ich bin nicht mehr so sehr darauf aus, mich zu
schonen. Ich bin weniger „kopflastig“ und nehme bewusster wahr, was um
mich herum vor sich geht. (Die Leute dachten, ich sei dumm, weil sie in
der Regel etwas zwei oder drei Mal sagen mussten, bevor ich sie gehört
habe.) Meine Koordination beim Pianospiel ist besser geworden, obwohl ich
nahezu keine Praxis habe, und ich habe entdeckt, dass ich ein ordentliches
Talent für Ballsportarten habe. Ich kann jetzt für mich selbst kochen,
was eine ganz neue und aufregende Entdeckung ist, denn auf diesem Gebiet
hatte ich eine gewaltige Blockade. Das Essen schmeckt auch
anders. Vor der Therapie musste ich mein Essen mit Kräutern und
Gewürzen ‚ersticken’, um ihm Geschmack zu geben, während jetzt eine
kleine Menge lange vorhält. Ab und an bin ich deprimiert, aber auch wenn
ich mich wirklich schlecht fühle, weiß ich, dass es nur ein Gefühl ist,
und ich denke nicht an Selbstmord. Ich nehme mein Ausagieren wahr und
halte es im Zaum. Wenn zum Beispiel mein Job schlecht läuft, ertappe ich
mich dabei, dass ich von dem Gedanken besessen bin, in der Lotterie zu
gewinnen. Wenn es mir schlecht geht, neige ich dazu, von Therapeut zu
Therapeut zu springen, weil ich Angst habe bei ein und derselben Person zu
bleiben für den Fall, dass sie oder er ungeduldig wird mit mir. Gegen
meine Ängste anzugehen ist mein Weg zu den Gefühlen. Tief drinnen verspüre
ich ein Gefühl, dass alles gut wird mit mir, was ich vor ein paar Jahren
nie hätte sagen können.
Schlussendlich
würde ich sagen, dass Depression ein Zustand emotionaler Flachheit ist,
der sich aus einem starken Abwehrsystem ergibt. Unterhalb des vollen
Bewusstseins gibt es eine Stimme, die sich darüber beklagt, dass alles
hoffnungslos sei und dass das Leben keinen Sinn hat, aber man hört sie
nie, weil die Abwehr Überstunden leistet. Wie heilt man Depression? Die
Platitüden, mit denen mich meine Eltern fütterten, haben bestimmt nichts
Gutes bewirkt, und ich vermute, dass die meisten Selbsthilfe-Systeme die
„Stimme des Jüngsten Gerichts“ irgendwo ins Dunkle verstoßen, aber
letztendlich richtet sie dort genauso viel Schaden an. Die einzigen
wirklichen Veränderungen in meinem Leben haben nach dem Fühlen, nach der
Verknüpfung mit dem Ursprung meines Schmerzes stattgefunden. Die Stimme
wird jetzt zum Teil gehört; man fühlt sich nicht traurig ohne
offensichtlichen Grund sondern aus einem Grund, den man kennt und fühlt.
Diese zweite Kindheit ist ein großes Geschenk. Allen, die das lesen und weit davon
entfernt sind, Therapie machen zu können, möchte ich sagen, dass es
wirklich Hoffnung gibt. Vor allem, findet Freunde, die euch so
akzeptieren, wie ihr seid, und geht pfleglich mit euch selbst um. Ihr
verdient das Beste.
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