Wir
alle sind ihnen begegnet; sie sind die gewissenlosen, manipulativen, gefühllosen
und gleichgültigen Menschen (wenn ich das sagen kann), die einen Krater
der Verwüstung hinterlassen, wo immer sie hingehen. Sie haben keine
Ahnung von Liebe oder Hilfsbereitschaft und vor allem von Dankbarkeit.
Wenn du ihnen etwas gibt, wollen sie mehr und sehen in dir nur einen
Trottel und Lockvogel, aus dem sich mehr herausholen lässt. Wie ist es so
weit gekommen?
Ich
könnte Statistiken zitieren. Ihr wisst, dass eine aktuelle Studie über
Psychopathen herausgefunden hat, dass sie Schäden in ihren Gefühlszentren
haben; das ist keine Überraschung (siehe „A Brain Gone Wrong,“ Scientific
American/Mind, 3. Sept. 2010). Wir begreifen das. Sie können nicht fühlen
und nichts nachempfinden; dafür scheinen sie keine Fähigkeit zu haben.
Sie haben eine menschliche Hülle ohne die inneren Mechanismen, die uns
unsere Menschlichkeit geben. Sie haben gelernt, wie man charmant auftritt
und andere zum eigenen Vorteil manipuliert, indem man zuerst ihr Vertrauen
gewinnt. Aber das ist von kurzer Dauer und dann kommt die Wahrheit heraus.
Sie kümmern sich um niemand. Es gibt partielle Psychopathen, die einige
dieser Charakterzüge aufweisen, es aber gelegentlich schaffen, fürsorglich
zu sein – sporadisch und ohne Gefühlstiefe. Nichtsdestotrotz scheinen
sie menschlich zu sein. Sie beschwindeln und betrügen andere nicht, haben
aber nichts dagegen, wenn sie es müssen. Seht euch zum Beispiel die führenden
Wirtschaftleute oder Politiker an. Sie heben die Preise an, die Miete,
alles, weil sie sich um sich selbst kümmern und um Profite und nicht um
andere. Sie müssen unbedingt 10% Rendite haben, gleich, was es für
andere bedeutet. Sie hassen andere nicht, lieben sich selbst aber mehr.
Das trifft nicht genau zu, weil sie wirklich wenig Liebe geben können,
nicht einmal sich selbst. Die Politiker ineressieren sich für Wählerstimmen
und wollen an der der Macht bleiben; wir alle wissen das. Sie sagen alles
Mögliche, um im Amt zu bleiben; sie sind Meister-Manipulatoren und können
die Bedürfnisse anderer so verdrehen, dass die gegen sich selbst und ihre
Bedürfnisse votieren. Sie interessieren sich alle nicht für andere. Das
ist zweifellos die ‚sine qua non’, um in die Politik zu gehen. Es gibt
einige Ausnahmen, und ihr wisst, wer sie sind. Sie sagen die Wahrheit, und
das ist der Grund, warum sie nicht im Amt bleiben können.
Der
Schaden an limbischen Gefühlsstrukturen kann sich im Mutterleib ereignen
und verschlimmert sich unmittelbar danach enorm, wenn es an engem
menschlichen Kontakt fehlt; vielleicht Wochen in einem Inkubator mit wenig
oder gar keiner menschlichen Wärme. Was die Situation dann verschärft,
sind gleichgültige, lieblose Eltern, die das Kind nie berühren. Ich
sage, dass ein „emotionales Band fehlt.“ Es scheint ihnen an Gefühlen
zu mangeln. Es kann damit anfangen, dass die Mutter in der Schwangerschaft
chronisch ängstlich oder deprimiert ist; das Baby leidet und ist bereits
geschädigt, bevor es auf diese Welt kommt.
Wie
steht’s also um die Moral? Psychopathen scheinen unmoralisch zu sein,
aber sie sind gefühllos; das zeigen die Forschungsbefunde. Sie können
sich in andere nicht einfühlen, und können somit, wie Clinton es
umgekehrt gesagt hat, ihren Schmerz nicht fühlen. Somit ist alles möglich.
Sie betrügen ihre engsten Freunde, a la Bernard Madoff. Sie haben keine
Gefühle über dieses „unmoralische Verhalten“, weil sie den Schmerz
nichr fühlen können, den sie verursachen; sie betrügen Leute um ihre
Lebensersparnisse und scheren sich überhaupt nicht darum. Ihr Gefühlsband
fehlt und nichts auf der Welt kann es zurückbringen. Das ist der Grund,
dass sie sich nie zu ihren Verbrechen bekennen, wenn sie gefasst werden;
es ist immer ein anderer schuld. Wir in der Primärtherapie können sie
nicht behandeln, weil sie die Therapie in ihre Psychopathie einbinden und
oft sich oft entschließen, ohne jegliche Ausbildung Therapeuten zu
werden. Sie schädigen viele Leute und machen so geschickte Werbung, dass
sie viele dadurch täuschen. Sie schreien und brüllen (wir haben sie fürs
Gericht aus dem Gefängnis geholt), fühlen aber nie; sie durchlaufen die
Bewegungen des Mensch-Seins ohne menschlich zu sein. Wir können ihnen
kein volles Gehirn zurückgegeben. Der Schaden ist zu früh und zu schwer.
Eine
veröffentlichte Forschungsstudie am King’s College in London erklärte
den Ursprung des Psychopathen. Er bleibt, wie ich ihn beschrieben habe
(und Psychopathen sind meistens männlich), aber der Ursprung der Persönlichkeitsstörung
muss um ein paar Wochen zurückversetzt werden. In der Untersuchung [1]
machten die Forscher ein Magnetresonanztomogramm (MRI) an
Psychopathen (Mörder, Vergewaltiger, etc.) und kamen zu dem Schluss, dass
es in ihren Gehirnen Unterschiede gab zu denen in der Allgemeinbevölkerung.
Zwei der Schuldigen waren die Präfrontalzone des Kortex und Aspekte der
Amygdala. Es gab eine Schwächung zwischen den Verbindungen in diesen zwei
Arealen. In einem Normalgehirn reagiert die Amygdala, wenn es emotional
stimulierende Ereignisse gibt. Aber bei Psychopathen kommt es zu einer Störung
dieser Reaktion.
Die
Grundlagen für diesen Zustand werden vor der Geburt geschaffen und
verschlimmern sich durch ein Geburtstrauma und fehlenden menschlichen
Kontakt gleich nach der Geburt. Es scheint, dass bei Psychopathen der
Nervenschaltkreis, der Gefühle mit höheren Gehirnprozessen verbindet,
defekt ist. Anders ausgedrückt sind Gefühle kein Teil des gedanklichen
kortikalen Funktionierens im Alltag. So kann die Person nach außen hin
charmant sein, während dieser Fassade keinerlei ernsthafte Gefühle zu
Grunde liegen. Es ist alles nur Show. Würde kein vorgeburtliches Trauma
existieren, das die Verknüpfung zwischen Nervenzellen schädigt, die für
Gefühle verantwortlich sind, und Nervenzellen, die für das Verstehen
zuständig sind, hätte fehlender Körperkontakt nach der Geburt
vielleicht nicht derart verheerende Wirkung. Wenn es jedoch zu einer
vorgeburtlichen Schwächung der Verknüpfungen zwischen Gefühlen und
Gedanken kommt, ist der Mangel an Körperkontakt gleich nach der Geburt
katastrophal. Das Ergebnis kann eine Person sein, die nicht nur keine
Kontrolle über ihre Impulse hat sondern auch keine Möglichkeit, ihre Gefühle
zu erleben. Lernen kann stattfinden, aber kein emotional integriertes
Lernen. Die Schlussfolgerungen der Studie waren, dass Psychopathie tatsächlich
eine Gehirnkrankheit sein könnte. Ich denke, sie lässt sich
wahrscheinlicher durch epigenetisches Trauma erklären.
Die
wichtige Lektion jedoch lautet, dass Psychopathie ziemlich ähnlich wie
andere Entwicklungs-Abweichungen die Signatur dessen trägt, das früher
in unserem Leben schief ging. Erinnerungen werden in unserer Biologie
unauslöschlich, weil sie einen Leitfaden für unsere Zukunft bilden,
Anleitungen, wie man sich verhalten soll, um zu überleben. Das heißt,
sie werden Teil unserer „apperzeptiven Masse;“ immer bereit, unserem
Überlebensinteresse zu dienen.
Hier
folgt, was einer meiner Studenten schrieb:
Psychopathen
werfen Licht auf eine entscheidende Untermenge der Entscheidungsbildung,
die man als Moral bezeichnet. Moral kann ein schwammiger, vager Begriff
sein und ist auf seiner einfachsten Ebene dennoch nichts anderes als eine
Reihe von Entscheidungen darüber, wie wir andere Leute behandeln. Wenn
Sie auf moralische Weise handeln – wenn Sie vor Gewalt zurückschrecken,
andere anständig behandeln und bedürftigen Fremden helfen – treffen
Sie Entscheidungen, die Leute neben Ihnen selbst in Betracht ziehen. Sie
machen sich Gedanken über die Gefühle anderer, sympathisieren mit deren
psychischer Verfassung.
Das
können Psychopathen nicht....Ihnen fehlen die primären emotionalen
Wegweiser, die der Rest von uns als Leitlinien benutzt, wenn wir
moralische Entscheidungen treffen. Das Gehirn des Psychopathen ist von
Ausdrücken des Schreckens durchbohrt.
Das Hauptproblem scheint eine zerrüttete Amygdala zu sein, ein
Gehirnareal, das für die Ausbreitung aversiver Emotionen wie Furcht und
Angst verantwortlich ist. Das Ergebnis ist, dass sich Psychopathen nie
schlecht fühlen, wenn sie dafür sorgen, dass andere Leute sich schlecht
fühlen. Jemand anderen zu verletzen ist einfach eine andere Art, das zu
bekommen, was er will, eine perfekt vernünftige Art, Wünsche zu
befriedigen. Das Fehlen von Emotion macht die grundlegendsten
Moralbegriffe unverständlich. G. K. Chesterton hatte Recht: „Der Verrückte
ist nicht der Mensch, der seinen Verstand verloren hat. Der Verrückte ist
der Mensch, der alles verloren hat außer seinem Verstand.“
[1]
Berichtet in Science Daily, 5. August 2009. D.
Murphy, Marco Catani und Michael Craig, Aug. 2009. Siehe auch Michael Craig, „Altered Connections on the Road to
Psychopath.” In Molecular Psychiatry, 2009. DOI 10, Seite 1038.
Übersetzung:
Ferdinand Wagner