Wie
erkennt man, dass jemand verrückt ist? Nicht leicht, weil wir
alle auf verschiedene Weise verrückt werden können. Wenn dem so
ist, wie sollen wir es dann feststellen können. Und – wie ich
oft sage - jemand kann verrückt werden, um sich vor dem Wahnsinn
zu bewahren. Das ist nicht bloß ein Scherz, sondern eine
Binsenweisheit. Worum es bei Psychose im Allgemeinen geht, ist,
wenn die erste Linie (in meinem Jargon) in die dritte Linie
marschiert. Wenn tiefer Schmerz und ein weit entferntes Trauma den
denkenden, gegenwartsbezogenen Frontalkortex besetzen. Wenn die
Hemmungsschleusen so löchrig sind, dass Traumen im Mutterleib,
bei der Geburt und im ersten Jahr nicht verdrängt bleiben können,
sondern stattdessen sich im Gehirn nach oben bewegen und das
Funktionieren in der Gegenwart stören. Jene Ereignisse sind so
erschütternd, dass sie manchmal abwegige Gedankenbildung,
Verfolgungswahn und bizarre Glaubensüberzeugungen verursachen.
Aber diese Gedanken und Überzeugungen beziehen sich auf die
Traumen; das heißt, sie enstehen aus ihnen, so dass diese
Glaubensvorstellungen sich aus den abgesonderten Schmerzen
gebildet haben, so weit diese auch entfernt sein mögen.
Psychose
und Neurose sind keine unterschiedlichen Krankheiten, Psychose ist
das schwerer beladene Schmerzleiden, das übertriebene Glaubensüberzeugungen
und Reaktionen verursacht; eine Tür vernageln, um die
Teufelsstrahlen davon abzuhalten, ins Gehirn einzudringen. Was
geschieht, ist, dass die hochvalenten frühen Traumen die Art von
Ereignissen sind, die wir nicht sehen können, die aber dennoch
der vorherrschende Faktor bei späterer Psychose sind. Sie ist das
Ergebnis präverbaler Ereignisse, die für eine wackelige
Grundschicht sorgen, auf der sich spätere Ereignisse verstärken.
Es sind so ernsthafte Nahtoderfahrungen, dass das
Schleusungssystem geschwächt wird; und damit meine ich, dass sie
unter anderem eine solche Belastung
für die hemmenden Gehirnsubstanzen verursachen, dass wir
chronisch zu wenig davon haben; deshalb die durchlässigen
Schleusen. Es braucht später nicht viel Vernachlässigung oder
Liebesverlust, um das Schleusungssystem völlig zu überlasten,
was dann zu Psychose führt. Und wenn ein Stressor eintritt, wie
z. B. die Pubertät, dann besteht die Neigung zu einem offenen
Ausbruch von Psychose, weil der Körper, der sich auf Grund von
Hormonen bereits im Aufruhr befindet, wiederum durch tobende
Hormone geschwächt wird.
Weil
die frühen Einprägungen meistens Nahtod-Erlebnisse sind, hat die
von ihnen hervorgerufene paranoide Gedankenbildung nahezu immer
mit dem Tod zu tun; jemand ist hinter mir her und versucht, mich
zu töten. Oder sie schießen Strahlen in meinen Kopf. Oder sie
vergiften meinen Kaffee. Es kommt zu einer plötzlichen Bedrohung,
welche die Person zwingt, sich in Aluminiumfolie zu kleiden, um
Strahlen oben vom Hubschrauber abzuwehren. Logik bleibt vor der Tür,
wenn sich der Kortex mächtig abmüht, eine Vernunfterklärung für
den hochkommenden Schmerz auszuhecken. Im Kopf der Person macht
diese Rationalisierung Sinn, weil das Feeling, mit dem sie sich
befasst, ihr sehr real scheint. „Sie versuchen mich zu
verletzen“ ist das Leitmotiv, das vielleicht von einem so
schrecklich schmerzvollen und verletzenden Geburtserlebnis stammt,
dass der Gedanke, jemand wolle uns verletzen, Sinn macht. Es ist
die erste furchtbare Erfahrung für das Baby, das es im Mutterleib
bequem gehabt hat. Plötzlich wird es in einen Schmerz geworfen,
der entsetzlich ist, für den es aber keine Szenen oder Erklärungen
hat, da es zu der Zeit keine Worte hat und auch keinerlei Fähigkeit,
Szenen zu produzieren. Somit ist das natürlich bizarr, weil es
ein Ereignis ist, für das es weder Worte noch Verstehen gibt.
Also
muss der der Paranoide eine komplizierte Begründung
zusammentragen für das, was er durchmacht. Klingt verrückt und
ist es auch. Er wird verrückt, um sich vor dem Wahnsinn zu
bewahren. Das heißt, er hält
mit einem Satz aufgeteilter zusammenhängender Gedanken
einen Großteil seines Kortex intakt, aber so kann er
funktionieren. Wenn der frühe Schmerz katastrophal ist, könnte
er den Neokortex völlig überwältigen, und wir bekommen einen
plappernden Idioten, der überhaupt nicht funktionieren kann. In
diesem Sinn ist Psychose eine Abwehrmaßnahme gegen den völligen
psychisch-geistigen Kollaps; das bedeutet die Art von Person, die
ein Schulhaus betritt und vierzehn Leute tötet. Ihre Gegenwart
wurde zu ihrer Vergangenheit. Im Gehirn dieser Person gab es
nichts mehr, dass sie über den Unterschied zwischen Vergangenheit
und Gegenwart informiert hätte.
In
gewissem Sinn ist Neurose/Psychose der Unterschied zwischen einem
Traum und einem Albtraum. Träume weben akzeptable Geschichten,
die ego-syntonisch sind. Psychosen erzeugen Geschichten, die
ego-dystonisch sind. Dennoch versuchen sie beide, den Schmerz zu
erleichtern, zu filtern und abzuwehren. Die Schmerzquelle und
seine Kraft sind vielleicht der entscheidende Unterschied.
Woher
wissen wir also, dass dies zutrifft? Wenn die Leute, die eine
schreckliche Geburt, eine schlimme Zeit im Mutterleib und eine
schreckliche frühe Kindheit hatten, in meiner Therapie diesen
Einprägungen nahe kommen, können sie vorübergehende
psychotische Episoden durchmachen. Wenn sie sich Ereignissen nähern,
die nicht so zerstörerisch sind, werden sie nicht verrückt. Aber
wir müssen vorsichtig sein, weil es gefährlich sein kann, eine
fragile Person in sehr frühe schreckliche Einprägungen zu
versetzen; und es kann von Dauer sein, wenn der Therapeut nicht
weiß, was die Person gerade macht.
Eine
paranoide Glaubensvorstellung ist wenigstens eine Struktur, welche
die Psyche davor bewahrt, in Bruchstücke zu zerfallen, so dass
jemand tagsüber funktionieren und Fahrräder reparieren kann. Ich
hatte einen Patienten, der ein Messerschärfer war; völlig
wahnhaft, und trotzdem ließen ihn Hausfrauen in ihre Wohnzimmer
und Küchen, um Messer zu schärfen.
Der
Stoff der Psychose ist dasselbe Material, aus dem unser Gehirn
Albträume macht. Sie sind die Intrusion - das Eindringen - sehr
früher Mutterleibs-/Lebensereignisse in die oberste Gehirnebene,
die mit ihnen einhergehende Gedanken und Szenen erzeugt. Eine
klassische Szene: „Ich bin in einer Waschmaschine, werde
herumgewirbelt und ertrinke, und ich gehe unter und kann mich oder
die Maschine nicht anhalten.“ Sein Primal bestand darin, im
Mutterleib zu sein, herumgestoßen zu werden, zu ertrinken und
sich machtlos dagegen zu fühlen.