Das
Kennzeichen der Neurose ist für mich der Verlust der Freiheit; und die
Unmöglichkeit, sie zurück zu gewinnen. Weil unerfüllte Bedürfnisse uns
besessen und zwanghaft machen und uns keine Wahl lassen. Also müssen wir
trinken, Drogen nehmen, so hart arbeiten, so viel essen, so ruhelos
sein,.....füllen Sie die Lücken aus. Wir haben unsere Wahlmöglichkeiten
vermindert und unsere Perspektiven eingeengt. Wir führen ein oberflächlicheres,
beschränkteres Leben; ein Leben ohne Fühlen, weil das Fühlen
zusammen mit unseren Grundbefürfnissen begraben worden ist.
Wir haben weiterhin gescheiterte Beziehungen, Kurzverhältnisse,
abgestumpfte Liebesaffären, weil unser Leben so begonnen hat: unbeständige
Liebe, sporadische Zuneigung, Eltern, die uns verlassen haben. Wir sind
Gefangene dieser Verhaltensmuster, weil wir keine Ahnung haben, warum das
alles so ist. Wir sind wie Automaten; agieren gedankenlos ein sich ständig
wiederholendes Verhalten aus, das wir absolut gar nicht kontrollieren können.
Es kontrolliert uns. Bedürfnis, versagtes Bedürfnis, das im unaufhörlichen
Streben nach Erfüllung fortbesteht. Immer symbolisch, weil es für Liebe
von „ihnen“ viel zu spät ist. Also bekommen wir sie von Professoren,
Chefs, Partnern, Meistern, Ehefrauen, Ehemännern, Freunden. Aber wir
bekommen sie nie und gehen dieser Aufgabe bis zum Überdruss nach. Wir
bekommen diese Liebe nicht, weil das kritische Fenster geschlossen ist; es
ist vorbei, gegessen, erledigt. Es ist nicht mehr möglich, diese Liebe zu
bekommen; die Liebe als dieses kleine Baby. Das ist der Grund, warum
einige Frauen die ganze Zeit Sex wollen. Sie brauchen den Körperkontakt
wie dieses kleine Baby. Es ist der Grund, warum einige von uns immer
wieder nach Anerkennung suchen, indem sie versuchen, jenen tyrannischen,
ablehnenden Elternteil dazu zu bewegen, das Gute in uns zu sehen und vor
allem einen einfachen aber schwer zu fassenden Satz zu sagen: „Du bist
wirklich gut.“ Dieser einfache Satz könnte eine lebenslange Suche nach
Anerkennung vermeiden; aber, ach nein! Zuerst lassen wir uns auf diese
sehr kritischen Leute ein, und dann versuchen wir, sie zustimmend zu
machen. Andernfalls wär’s zu leicht. Wir als Neurotiker haben es nie
geradewegs auf Liebe abgesehen. Wir nehmen den elterlichen Weg- umständlich;
wir erschaffen unsere Kindheit wieder und streben dann nach Liebe. Oh je,
oh je. Wir sind Gefangene des Schmerzes. Wir schaffen unser Gefängnis und
verbringen dann unser Leben damit, da raus zu kommen.
Wir reisen um die ganze Welt und versuchen, das wirkliche Zuhause zu finden,
das wir nie hatten. Wir idealisieren die Frauen, denen wir begegnen, und
sehen nicht, wer sie wirklich sind, bis über lange Zeit langsam die
Realität einsetzt. Noch eine Scheidung; eingesperrt in Scheidung und
gescheiterten Beziehungen. Wenn wir nur Zugang zu unseren Gefühlen hätten,
könnten wir uns auf vernünftige, normale, nicht-neurotische Leute
einlassen, und wir könnten bleiben und zusammen alt werden. Wir könnten
unseren Partnern Liebe geben und könnten ihre Liebe fühlen. Für gewöhnlich
ist das Gegenteil der Fall; wir wollen keine wirkliche Liebe, wir wollen
eine Mutter oder einen Vater, jemand, die oder der sich um uns kümmert,
uns verwöhnt und unseren Launen nachgibt. Wenn es kein altes eingeprägtes
Bedürfnis gibt, können wir mit dem Ausagieren der Vergangenheit aufhören
und den Versuch beenden, etwas aus unserer Geschichte zu bekommen, und wir
können die Liebe annehmen, die es jetzt vielleicht gibt.
Wenn wir völlig narzisstisch sind, wollen wir vielleicht totale
Anerkennung, totale Nachsicht
und totale Einwilligung in unsere Wünsche. Das lässt sich nicht immer
leicht finden, aber Menschen, die völlig von sich selbst eingenommen
sind, geben den Versuch nie auf. Und sie verwerfen das bisschen Liebe, das
es für sie gibt. Sie suchen nach Vergangenheitsliebe für den Kampf, den
Kampf, immer mehr von dem zu bekommen, was nicht mehr existiert.
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Übersetzung: Ferdinand Wagner